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Ronnie Lee Bowling

Ronnie Lee Bowling aus dem US-Bundesstaat Kentucky wurde am 9. Dezember 1992, im Alter von 23 Jahren, wegen zweifachen Überfalls, zweifachen Raubes, zweifachen Mordes und eines Mordversuches schuldig gesprochen und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl und 100 Jahren Haft verurteilt.

Seine Verurteilung kam aufgrund eines ballistischen Tests, dem CBLA (Comperative Bullet Lead Analysis) zustande, der vom FBI entwickelt wurde. Das FBI war auch die einzige Institution, die diese Tests durchführte. Dieser hat folgende Grundlage: Anhand der chemischen Zusammensetzung von verschiedenen Elementen (Kupfer, Blei, Wismut, Silber) sei es möglich zu bestimmen, aus welcher Waffe, und sogar aus welchem Magazin die Geschosse abgefeuert wurden. Die Tests wurden in den 80er Jahren bei verschiedenen Prozessen als Beweismittel angewendet.

Im Jahre 2005 stoppte das FBI die CBLA. Es kam heraus, dass sie fehlerhaft und unzuverlässig ist. In folgendem Artikel des Herald Leader, Kentucky (deutsche Übersetzung) wird die Thematik genau erläutert. Bereits mehrere Prozesse nahmen aufgrund der fehlenden wissenschaftlichen Beweise eine entscheidende Wendung, führten sogar zu Freisprüchen und Revisionsverhandlungen. Präzedenzfälle hierfür sind vor allem der Fall Ragland vs. Commonwealth im Jahre 2006, der im Artikel des Herald Leader angesprochen wird. Weiterhin aber auch ‚Clemons vs. Maryland’, in dem das Gericht befand „dass die Schlussfolgerungen der CBLA generell nicht akzeptiert werden können und revidieren deshalb den Entscheid des Berufungsgerichtes und fordern eine Neuverhandlung des Falles.“ Ebenso entschied das Berufungsgericht in New Jersey im Fall ‚New Jersey vs. Behn’, im Jahre 2005, der „aufgrund neuer Beweise und Studien an der CBLA“.

In Ronnie Lee Bowlings Fall hing die gesamte Anklage an genau dieser Beweisführung. Laut Protokoll der Verhandlung zitiert der Staatsanwalt: „Dies ist das Band, das all meine Beweise zusammenführt.“ Bereits in dem Eröffnungsplädoyer füllt diese zentrale Aussage mehrere Seiten des Protokolls. Auf Seite 3118 des Protokolls sagt der Staatsanwalt wortwörtlich: „Nach meiner Ansicht sind es die gleichen (Geschosse); sie haben die gleiche Zusammensetzung und daher kommen sie auch aus dem gleichen Magazin, von ein und dem gleichen Hersteller.“ Es ist anzunehmen, dass die Jury stark von seinen Mutmaßungen beeinflusst wurde und dementsprechende Rückschlüsse auf die Schuld von Ronnie Lee Bowling zog.

Weiterhin führt die Staatsanwaltschaft an, dass Bowling aus einer finanziellen Notlage heraus die Überfälle begangen habe. Bowling kam aber mit mehreren Aushilfsjobs und einem Grundstück, das er kurz zuvor gekauft hatte, gut über die Runden. Aus einer Versicherungssumme, die er wegen eines Autounfalls bekommen hatte, war es ihm möglich nach seiner Heirat im Jahre 1987 ein Auto, einen Trailer und Land zu erwerben. Das verbliebene Geld verwendete er vollumfänglich für seine Verteidigung im Prozess. Die Staatsanwaltschaft führte angebliche Zeugen an; allerdings wurden deren Aussagen als falsch entlarvt. Ein Mithäftling, dem Bowling angeblich die Tat gestanden hatte, erhielt für seine Aussage für Gericht eine Verbesserung seiner Haftbedingungen. Gestanden hatte Ronnie Lee Bowling ihm die Tat allerdings niemals.

Die Ereignisse, die schlussendlich zu seiner Festnahme führten, schildert Ronnie Lee Bowling selbst so:

"Am Samstagmorgen, dem 25. Februar 1989 fuhr ich nach Rockcastle County, dem übernächsten Bezirk. Ich wollte mich bewerben und einen Vollzeitjob finden. Also fuhr ich zeitig los um die Öffnungszeiten der Geschäfte auf meinem Rückweg für Nachfragen auszunutzen. Als ich die 1-15 verlasse, sehe ich einen Laden mit Tankstelle, also fahre ich raus und steige aus, um nachzufragen. Der Mann im Laden heißt Ricky Smith, er ist der Eigentümer. Ich frage, ob er einen Job für mich hat. „Nein, zur Zeit nicht,“ antwortet er. „Vielleicht später im Jahr, melde Dich ruhig noch einmal.“ Ich antwortete: „Ok, was ist mit anderen Schichten?“ Smith wird nervös, also bedanke ich mich dafür. Als ich hinausgehen will bleibe ich kurz stehen um den Reißverschluss meiner Jacke zu schließen. Ich trug eine grüne Millitärjacke. Es ist Februar und es lag noch etwas Schnee. Im Augenwinkel sehe ich, dass er eine 38er aus seiner Tasche im Overall zieht. Er rennt los in den kleinen Nebenraum und schießt auf mich während er läuft. Er trifft mich zweimal. Blut und Haare sind an der Wand und auf dem Boden, dort, wo er mich getroffen hat. Ich renne raus und springe ins Auto, er kommt aus dem Laden. Ich fahre los auf die Route 25. Die Zapfsäulen sind zwischen uns und ich habe Zeit zu beschleunigen. Er schießt weiter auf mich während ich die Strasse entlangfahre. Schließlich bemerkt er, dass er nervös geworden ist und überreagiert hat. Ich hatte keine Waffe. Er hat es missgedeutet als ich den Reißverschluss meiner Jacke geschlossen habe. Er dachte, ich wollte eine Waffe ziehen. Das alles geschah innerhalb weniger Augenblicke, er weiß, dass er soeben auf einen unschuldigen Mann geschossen hat. Er sieht mein Blut in seinem Laden. Sein Vater, James Smith, kommt bald darauf an den Tatort. Die beiden wissen, dass sie für versuchten Mord oder sogar Mord, falls ich sterben sollte, beschuldigt werden können.

Ricky hat eine 38er unter dem Ladentisch und sein Vater hat auch noch eine. Sie nahmen die zweite Waffe um weitere Schüsse im Laden abzufeuern um es wie einen Schusswechsel aussehen zu lassen. Dann ruft Ricky die Staatspolizei von Kentucky an. Ich werde zu Hause verhaftet. Später werde ich des versuchten Mordes an Ricky Smith beschuldigt. Etwa eine Woche später gibt es zwei ungelöste Verbrechen im angrenzenden Bezirk Laurel County. Durch forensische Metalluntersuchungen werde ich dieser Kapitalverbrechen beschuldigt."

Die anderen beiden Raubüberfälle mit Mord, die Ronnie Lee Bowling mittels des CBLA zur Last gelegt wurden, bestreitet er. Es handelt sich dabei um zwei Raubüberfälle mit zwei Morden. Zudem wurde während des Prozesses (im Verhandlungsprotokoll aufgeführt) ein Alibi für die Verbrechen in Laurel County vorgebracht. Bowling hat zwar zu dieser Zeit in Clay County (dem angrenzenden Bezirk) mit seiner Frau gelebt, war aber während dem Zeitpunkt der Morde gar nicht im Staat Kentucky, sondern in Indiana, um Verwandte zu besuchen. Sie sagten vor Gericht aus und verschafften ihm somit ein Alibi, jedoch ohne Erfolg.

Folgendes spricht weiter für die Unschuld von Ronnie Lee Bowling:

  1. Der Zeuge Randy Harris beschreibt einen Täter, den er während einem der Überfälle in Laurel County gesehen hat als er nach der Tat den Tatort verlässt. Dieser hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Ronnie Lee Bowling. Er gibt seine Aussage bereits einen Tag nach der Tat in der örtlichen Polizeistation zu Protokoll. Bei der Verhandlung wird kein Gewicht auf die Aussage gelegt.
  2. Die Anklage hat keine Augenzeugen, keine Fingerabdrücke und keine Schmauchspuren vorzuweisen. Die Anklage hängt ausschließlich and der CBLA.
  3. Ronnie Lee Bowling hatte zu keiner Zeit eine Waffe in seinem Besitz.
  4. Bis zu diesem Zeitpunkt war er noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten und war nie verhaftet worden.

Nach dem Vorfall in Rockcastle County, den Ronnie Bowling wie oben beschreibt, trug er Verletzungen davon, die auch die Polizei im Vernehmungsprotokoll genau festhält. Ein Streifschuss am Kopf und eine Schussverletzung an der Hand. Ihm wurde damals vorgeworfen, sich nicht sofort mit der nächsten Polizeistelle in Verbindung gesetzt zu haben. „Ich geriet in Panik und fuhr einfach nach Hause zu meiner Frau“, berichtet Bowling. Als die Polizei ihn zu Hause festnimmt und mit auf die Polizeistelle bringt, vermutet man einen Vertuschungsversuch des Verbrechens, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass er angeschossen und in Panik ist. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im Jahre 1989 ist Ronnie Lee Bowling gerade 20 Jahre alt. Mit 18 Jahren hat er geheiratet; und hat zum jetzigen Zeitpunkt sein halbes Leben im Todestrakt von Kentucky verbracht. In dieser Zeit hat es mehrere Hinrichtungstermine gegeben aber die Exekution wurde immer wieder ausgesetzt. Sein Fall ist derzeit vor dem Berufungsgericht im Kentucky Supreme Court , Frankfort, hängig. (File No. 2006-SC-000034-MR)

Ronnie Bowling ist für jede Hilfe dankbar und mit dem Wunsch an uns herangetreten, seinen Fall im Internet darzustellen. Wenn Sie helfen möchten, können Sie an Ronnie Lee Bowling einen Brief schreiben oder ihm über die Initiative gegen die Todesstrafe e.V. unter dem Vermerk ‚Bowling’ eine Spende zukommen lassen, die wir an ihn weiterleiten werden.

Ronnie Lee Bowling
#32861 Cell No 6-G-2
Deathrow
Kentucky State Penitentiary
P.O. Box 5128
Eddyville, KY 42038
U.S.A.

Artikel: Sirkko Wyser, Mitglied der Initiative gegen die Todesstrafe, 2007

Update:

Im April 2009 lehnte der Oberste Gerichtshof einen Antrag von bowling auf ein erneutes Verfahren ab.

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Ronnie Bowling macht darauf aufmerksam, dass weitere Informationen und Unterlagen zu seinem Fall auf den Seiten des Innocent in Prison Project International zu finden sind.

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