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11.02.2013 | Europa: Keine Medikamente für Giftinjektionen in den USA

In der Werbung stellen pharmazeutische Hersteller ihre Produkte seit langem gern als Mittel dar, die die Lebensqualität verbessern oder lebensverlängernd wirken können. In letzter Zeit jedoch ist zwischen den USA und Europa ein Scharmützel im Gange, bei dem die eine Seite Medikamente dazu nutzen will, das Leben ihrer Todestraktinsassen zu beenden, während die andere bemüht ist, den 33 US-Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe noch angewendet wird, die Mittel dafür nicht an die Hand zu geben.

Nurmehr in zwei modernen demokratischen Ländern ist die Todesstrafe gesetzlich verankert, in den USA und Japan; in Japan werden zum Tode Verurteilte gehängt.

„Die Todesstrafe ist in ganz Europa nicht nur verboten, sondern es ist auch erklärtes Ziel europäischer Politik, dazu beizutragen, dass diese Strafe weltweit abgeschafft wird“, sagte Sarah Ludford, Mitglied des Europaparlaments. „Indem man verantwortungsbewusst handelnde pharmazeutische Unternehmen davon überzeugte, ihre Vertriebswege genau zu kontrollieren, und indem man Exporte aus Europa einer verschärften Aufsicht unterzieht, wurden die Ziele der US-Gefängnisse durchkreuzt, den nötigen Nachschub für deren Todesmaschinerie zu beschaffen.“

In der Regel kommen bei der Hinrichtung per Giftinjektion drei Komponenten zum Einsatz: ein Mittel, das den Häftling betäubt, eines zur Muskellähmung und das dritte führt den Herzstillstand herbei. Dieses sogenannte „Hinrichtungsprotokoll“ wurde vor über 35 Jahren erstmals in Oklahoma festgeschrieben und galt fast unverändert, bis Europa vor zwei Jahren seine Belieferung mit Medikamenten einzuschränken begann.

„Noch bis vor kurzem herrschte ziemliche Verwirrung und Ahnungslosigkeit über die Abläufe im Arzneimittelvertrieb“, sagte Maya Foa, Expertin der britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve zum Thema Giftinjektion bei Hinrichtungen.

Ein Exekutionspräparat stand dabei ganz besonders im Blickpunkt - das Sedativum. Es gab zu der Zeit keinen großen amerikanischen Lieferanten dafür. Als dann vor zwei Jahren die italienische Regierung den US-Hersteller Hospira aufforderte, eine Garantie dafür abzugeben, dass von ihm in Italien hergestelltes Natrium-Thiopental nicht bei Hinrichtungen verwendet wird, kam es zu einer Unterbrechung des Nachschubs. Im Januar 2011 schließlich erklärte Hospira, man könne dieser Aufforderung nicht nachkommen - die Produktion des für chirurgische Zwecke hergestellten Mittels wurde danach komplett eingestellt.

Aufgrund dieser Entscheidung von Hospira beschlossen einige Gefängnisse, Natrium-Thiopental durch ein anderes Medikament zu ersetzen: Pentobarbital. Der dänische Hersteller H. Lundbeck verkaufte das Mittel unter dem Namen Nembutal, es wird unter anderem zur Vorbeugung epileptischer Anfälle eingesetzt. Wie Reprieve jedoch herausfand, verwendeten einige US-Bundesstaaten - darunter Ohio, South Carolina und Texas - das Präparat von Lundbeck, um damit Häftlinge hinzurichten.

Im Juli 2011 erklärte Lundbeck, man werde künftig fordern, dass Kunden dieses Mittel ausschließlich über einen Großhändler beziehen. Sie müssten zudem schriftlich versichern, es nicht weiterzuveräußern, dass es sich bei ihnen nicht um eine Gefängnisbehörde handelt und ihnen bekannt ist, dass Lundbeck sich gegen die Todesstrafe wendet.

„Wir mussten uns damit auseinandersetzen, dass unser Medikament auf eine Weise verwendet wurde, wozu es nicht gedacht war“, sagte der Leiter des Unternehmens, Ulf Wiinberg. „Wir nahmen das ernst und leiteten Schritte in die Wege, um den Missbrauch zu verhindern.“

Doch bevor diese Maßnahmen griffen, war es einigen Gefängnissen gelungen, sich das Präparat zu beschaffen, und so führten laut dem Death Penalty Information Center neun Bundesstaaten im vergangenen Jahr 43 Hinrichtungen durch, bei denen auch Pentobarbital eingesetzt wurde. Reprieve gab an, dass bei allen außer einer Exekution Nembutal verwendet wurde. Lundbeck verkaufte die Nembutal-Linie im Dezember 2011 an Akorn in Illinois. Akorns Finanzvorstand Tim Dick war weder telefonisch noch per e-Mail für einen Kommentar zu erreichen.

Zusätzlich zu Lundbecks eigenen Bemühungen ergänzte die Europäische Kommission ihre Anti-Folter-Verordnung - welche den Handel mit Produkten beschränkt, die geeignet sind für den Einsatz bei Todesstrafe, Folter oder sonstiger grausamer Behandlung - um Ausfuhrbeschränkungen für Pentobarbital und Natrium-Thiopental.

Als nächstes griffen amerikanische Gefängnisse nach Propofol, dem Medikament, das zum Tode Michael Jacksons beitrug. Letztes Jahr fasste Missouri den Entschluss, künftig Propofol für Hinrichtungszwecke zu verwenden. Daraufhin erklärte Fresenius Kabi, der US-Zweig des deutschen Unternehmens Fresenius, von Strafvollzugsbehörden in den USA keine Bestellung für Propofol entgegenzunehmen. Auch habe man schärfere Kontrollen eingeführt, und beschränke sich auf eine Anzahl ausgewählter Großhändler und Vertriebspartner.

„Diese Verwendung steht eindeutig im Widerspruch zu den durch die FDA genehmigten Indikationen für Propofol und ist auch nicht im Einklang mit dem Leitspruch von Fresenius Kabi: ‚Caring for Life’“, so ein Statement des Pharmaunternehmens. Nun erwägt der Europarat, Propofol ebenfalls auf den Index zu setzen, um dessen Export scharfer Kontrollen zu unterwerfen.

Trotz aller Maßnahmen der Hersteller könnte es laut Maya Foa von Reprieve den Vollzugsanstalten dennoch gelingen, sich die Medikamente über dubiose Umwege zu beschaffen.

Die Strafjustizbehörde von Nebraska hatte im November angegeben, einen Vorrat von Natrium-Thiopental vom Schweizer Hersteller Naari erhalten zu haben. Auf Nachfragen erklärte das Unternehmen, es habe Chris Harris, einem Mittelsmann in Indien, Proben des Medikaments zugesendet, der Naari getäuscht hatte mit der Behauptung, die Proben für Registrierungszwecke in Sambia beschaffen zu wollen.

Dass sie statt dessen für die Anwendung der Todesstrafe nach Nebraska gingen, führte zu Verstimmtheit bei Prithi Kochhar, dem Leiter von Naari. In einem Brief vom 18. November 2011 an Michael Heavican, den Obersten Richter des Bundesstaats Nebraska, hieß es: „Ich bin empört und entsetzt über diese Nachrichten. (...) Naari belieferte nicht direkt die Strafjustizbehörde von Nebraska mit diesen Medikamenten.“

Chris Harris beantwortete e-Mailanfragen nicht und die auf seiner Internetseite angegebenen Telefonnummern sind nicht mehr erreichbar.

Im Jahr 2011 mussten einige Bundesstaaten ihren Vorrat an Hinrichtungspräparaten Beauftragten der Bundesbehörden aushändigen. Die Medikamente waren über einen Verteiler namens Dream Pharma in die USA gelangt. Reprieve stellte fest, dass es sich dabei um eine Firma handelt, die aus den angemieteten Hinterzimmern einer Fahrschule in London heraus ihre Geschäfte tätigt. Als Dream Pharma telefonisch um einen Kommentar ersucht wurde, verweigerte der Mann, der den Anruf entgegennahm, eine Stellungnahme und wollte auch nicht seinen Namen nennen.

Das europäisch-amerikanische Tauziehen um Medikamente für Hinrichtungen in den USA ist wohl noch nicht beendet.

Quelle: Business Week