Hinrichtungen 2011: min. 676 plus 'Tausende' in China

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Justitia ist nicht blind, sie schläft!

Eva Siegmund über das zumindest fragwürdige Verhalten einiger amerikanischer Rechtsanwender.

Eine Richterin schließt ihr Gericht um Punkt 17.00 Uhr, obwohl sie weiß, dass in den nächsten 20 Minuten noch eine Petition eingehen wird; ein Staatsanwalt twittert mit seinem IPhone fröhlich einen Hinrichtungsbefehl und ein Richter befindet, nachdem ein Verteidiger vor Gericht ganze fünf mal weggenickt ist, Angeklagte hätten zwar das Recht auf einen Anwalt, aber keinesfalls auf einen Anwalt, der auch wach sei.

Klingt das nach Rechtsanwendern, die beruflich dafür einstehen, dass ein faires und rechtskonformes Miteinander in einem Staate möglich ist? Nach Menschen, welche die Würde, die ihnen Amt und Robe verleihen auch tatsächlich ausfüllen? Die private Interessen und Ansichten außen vor lassen, sobald sie in die Kutte schlüpfen?  

Die Antwort lautet nein. Diese Szenarien erinnern einen eher an schlechtgemachte Hollywoodfilme mit Titeln wie: "Frist oder Stirb", "Execution Live" oder "Dream me to death". Filme mit Handlungen, die so absurd anmuten, dass sie überzogen und realitätsfern erscheinen. Dass ein jeder Zuschauer kopfschüttelnd den Kinosaal verlässt  und sich ärgert, für solch ein absurdes Machwerk auch noch Geld gezahlt zu haben.

Das Schlimme ist, dass nach den oben genannten Ereignissen nicht das Popeln von Popcornresten aus Hosenfalten stand, sondern der Tod eines Menschen. Schwarzes Gift, dass sich seinen Weg durch menschliche Adern bahnte, Kugeln, die sich in Herzkammern bohrten, während eine Richterin ihren Feierabend genoss und tausende von Twitter Followern sich dem Kick des livegestreamten Tötungsevents hingaben. Ermöglicht durch die Macht eines hölzernen Hammers, eines Kleidungsstücks, eines Amtes.

Menschen, die in einem Über-Unterordnungsverhältnis mit dem Staat, in dem sie leben, stehen, müssen sich darauf verlassen können, dass die staatliche Macht von politisch neutralen Organen ausgeübt wird, damit Willkür keinen Platz bekommt. Natürlich ist es naiv zu glauben, ein Richter gebe seine Einstellungen, Erfahrungen, moralischen Vorstellungen und nicht zuletzt den Egoismus an der Gerichtspforte ab. Aber er muss in der Lage sein, eben diese Dinge bei der Entscheidungsfindung außen vor zu lassen – das ist eine seiner höchsten Pflichten. Denn sonst könnten wir auch gleich die Rechtsprechung per Telefonabstimmung von Bildzeitunglesern oder Twitterfollowern erledigen lassen.

Ein Jurist ist nun mal kein Autohausbesitzer, der bei Fehlern am Gefährt direkt an den Hersteller verweisen kann. Richter, Staatsanwälte und Anwälte verwalten menschliche Schicksale. Sie stehen mit ihrer gesamten Verantwortung dafür ein, ob, wie in den Fällen um die es hier geht, ein Mensch leben darf oder sterben wird. Die absoluteste aller Entscheidungen, die größtmögliche Verantwortung. Für Inkompetenz, Träumerei, Bürokratenblindheit und Selbstdarstellung ist in einem solchen Bereich kein Platz. Die viel zitierte "Würde des Amtes" muss vom Amtsträger selbst auch aufrecht erhalten werden, sonst wird aus ihr eine inhaltslose Phrase, hinter der sich Menschen verstecken, die vergessen haben, was die Worte bedeuten.

Natürlich kann man eine Richterin nicht zwingen, ihr Büro noch länger geöffnet zu halten, Anwälte nicht dazu, ihren Job gut zu machen oder, so das schon nicht möglich ist, vor Gericht wenigstens nicht einzuschlafen. Und man darf auch dem Staatsanwalt das Twittern nicht verbieten. Aber man möchte es. Denn solches Verhalten untergräbt die Menschenwürde, nicht nur die des Täters, sondern auch die des Opfers und der betroffenen Familien. Es räumt der Tat selbst und auch dem gerichtlichen Verfahren nicht den Platz ein, der  angemessen wäre, sondern macht aus einem Sachverhalt, bei dem auf beiden Seiten Menschenleben in der Waagschale sitzen, wahlweise ein Massenevent, eine willkommene Möglichkeit zum Nachholen des Mittagsschlafes oder eine bürokratische "Angelegenheit". Papier zwischen zwei Aktendeckeln mit einer Nummer. Und mehr nicht. 

Leben, so scheint es, hat in einer Gesellschaft, die solches Verhalten möglich macht, einen fragwürdigen Stellenwert bekommen. Da beruhigt es zumindest zu sehen, dass die feierabendwütige Richterin ein Disziplinarverfahren bekommt und die Internetgemeinde zunehmend empört auf das Getwittere reagiert. Es bleibt zu hoffen, dass es Wirkung zeigt. Denn ansonsten wäre zu überdenken, ob man Justitia nicht die Augenbinde abmeißeln und ihre ein Smartphone in die Hand drücken sollte. Dann wäre man wenigstens sicher, dass sie unter ihrer Augenbinde nicht eingeschlafen ist. 

Eva Siegmund, Mitglied der Initiative gegen die Todesstrafe e.V.


Kommentare

Leider ist dies "ganz normales" menschliches Verhalten, das überall auf der Welt vorkommt.

Und das Schlimme ist, daß solche leute auch keinerlei Reue zeigen und ihnen die Folgen ihres Handelns egal sind.

Im Grunde sind sie schlimmer als jeder brutale bewußte Mörder.
Gut gesprochen! Und den Punkt getroffen ! Danke !
Warum zum Teufel muß man Texte wie diesen in versteckten Foren, oder Internetseiten lesen die man zuvor erst aus Eigeninitiative suchen mußte!?

Es gibt Tausende wie mich, die aufgrund ihres Alltages gar nicht auf die Idee kommen sich gegen die Todesstrafe zu interessieren.
Mich brachte ein Zufall auf dieses Thema.
Mittlerweile beschäftigt mich das Thema, und es läßt mir keine Ruhe mehr.

Ich fordere, daß es in Zukunft nicht mehr notwendig ist auf aufklärende Texte zufällig zu stoßen, sondern ich plädiere dafür, daß es unmöglich sein soll nicht über derlei Hinweise zu stolpern.
Jeder Mensch in unserer zivilisierten Welt muß zwangsläufig aufgeklärt werden.
Durch mehr Plakate, mehr Demos, noch mehr Engagement.
Ebenfalls sollte jede Partei eines demokratischen Landes die Ziele zur Abschaffung der Todesstrafe fett in ihrem Wahlprogramm haben.
Dieser Bestandteil sollte so selbstverständlich wie Essen und Trinken werden.
Ich habe herausgefunden, daß der 10.Oktober der Tag gene die Todesstrafe sein soll.
Nun sehe ich nach auf AI Seiten,..und finde nichts für 2010.
Ebenfalls keine Hinweise auf dieser Seite hier!
Warum nicht?
Wenn ich wüßte wo und wann die nächste Demo in der Nähe meiner Heimat ist, dann würde ich hingehen!!
So aber suche ich stundenlang im Netz herum!!

Was ich damit sagen will:
Machen wir es dem Rest der neutralen unbeteiligten Welt leichter sich uns anzuschließen- an die, die menschliches durchsetzen wollen!
Man muß den Alltag mit der Nase in den Dreck stoßen, sonst wirds nix!

Ich habe vor kurzem eine Brieffreundschaft mit einem Sträfling in Pennsylvania begonnen.
Mein Kampf hat also erst vor kurzem begonnen.
Aber er hat ein Gesicht, einen Namen.
Somit kann ich nicht mehr länger wegsehen, oder gefließentlich "übersehen"....

Alles Gute!
Peter
38 Jahre alt
Innsbruck/ Österreich
Rüge für die Richterin? Warum? Hat die Frau nicht auch ein Anrecht auf einen Feierabend?
Nunja, Verständnis für den Täter - da müssen auch Richter Tag und Nacht arbeiten damit deren Untaten verstanden werden!
Heftig, ich habe niemals gedacht, dass das in der Realität so möglich ist
Im Grunde genommen ein cooler Beitrag, nur könnt ihr im nächsten Post n bisschen detaillierter schreiben? :)
Nun ja, die Dinge können manchmal wirklich trivial erscheinen. Danke ;)
Wahrhaftig ein genialer Beitrag. Ich muss echt www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de haufiger lesen
In der Tat ein guter Post. Ich sollte www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de haufiger lesen ;-)
Da fragt man sich beim groben Lesen ja schon, ob man selbst nicht komplett auf den Kopf gefallen ist. Dankeschon fur deine Berichte

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