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Kerry Max Cook – wegen erwiesener Unschuld entlassen, aber bis heute nicht freigesprochen!

Heute ist Kerry Max Cook 55 Jahre alt, bei seiner Verhaftung im Jahr 1977 war er gerade 21. Erst fünf Jahre zuvor war die Familie aus Deutschland nach Texas gezogen, zurück in die Heimat der Eltern, Kerry wurde in Stuttgart geboren.

Der Fall:

Am 10. Juni 1977 wurde in Tyler, Texas, die 21jährige Studentin und Sekretärin Linda Jo Edwards in ihrer Wohnung ermordet. Linda Edward hatte eine Affäre mit ihrem verheirateten Professor, diesem hatte sie am Tag vor der Tat gesagt, dass sie ihn verlassen würde. Dieser Spur ging die Polizei nie nach. Stattdessen wurde Kerry Cook in einem Club, wo er als Barkeeper arbeitete verhaftet. Der Club war ein Schuwlenclub und die abenteuerliche Theorie der Polizei war, dass Kerry Cook ein „entarteter Homosexueller“ sei, der seine Nachbarin aus Frauenhass ermordet habe. Kerry Cook wurde verurteilt, weil:
(1) Ein einzelner Fingerabdruck auf der Außenseite einer Glasschiebetür von Linda Edwards Wohnung als Cooks identifiziert wurde. Fakt ist, dass Kerry Cook einmal in Linda Edwards Wohnung gewesen war, Wochen vor der Tat, als sie sich am Pool der Wohnanlage über den Weg gelaufen waren und Linda Edwards im etwas zu Trinken anbot. Übel ist, dass ein sogenannter "Fingerabdruck-Experte" im Prozess aussagte, der Fingerabdruck stamme aus der Mordnacht – das Alter von Fingerabdrücken ist nicht bestimmbar!
(2) Die Mitbewohnerin aussagte, sie habe Kerry Cook in Linda Edwards'  Wohnung gesehen, vermutlich um die Zeit des Mordes. Fakt ist, dass die Mitbewohnerin der Polizei zunächst sagte, der Mann, den sie gesehen habe, sei der Geliebte von Linda Edwards gewesen. Später berichtete sie, sie sei in Verhören von der Polizei unter Druck gesetzt worden, bis sie Kerry Cook bezichtigte.
(3) Ein Gefängnisinformant aus der Untersuchungshaft aussagte, Kerry Cook habe ihm das Verbrechen gestanden. Fakt ist, dass der Zeuge nach dem Prozess in eigener Sache eine Strafminderung erhielt und seine Aussage später widerrief.
Der Staatsanwalt bezeichnete Kerry Cook vor der Jury im nicht gerade Homo-freundlichen Texas der 70er als "pervers" und "eine Gefahr für anständige Frauen". Er vermutete gar, Kerry Cook "würde Körperteile des Opfers am liebsten essen".
Als "Sachverständiger" sagte Dr. James Grigson, alias "Dr. Tod" aus, dass Kerry Cook an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung leide und dass es praktisch unvermeidbar sei, dass er wieder töte. Das ist es, was Grigson seit 1967 immer aussagte, wenn er von der Staatsanwaltschaft als Sachverständiger in den Zeugenstand gerufen wurde, über 150 Mal seit 1967. Da er die Angeklagten nicht einmal befragen musste, um zu seinem "fachlichen Urteil" zu gelangen, wurde er 1995 wegen ethisch unakzeptablem Verhalten aus der American Psychiatric Association ausgeschlossen. Er durfte weiter vor texanischen Gerichten aussagen und starb 2004 an Krebs.

Auf dieser Grundlage wurde Kerry Cook 1978 zum Tode verurteilt. Er verbrachte 13 Jahre im Todestrakt, dann weitere sechs im Gefängnis, immer wieder wurde seine Verurteilung von höheren Instanzen außer Kraft gesetzt – und in Smith County wieder neu ausgesprochen. Erst als er im November 1997 einem Deal zustimmte, in dem er "schuldig" akzeptierte, ließ der Staat Texas ihn gehen, das Urteil lautete nun einfach auf die Haftzeit, die Kerry Cook schon abgesessen hatte. Mit diesem Deal konnte das Gericht die Geschichte offiziell auf sich beruhen lassen und musste nicht untersuchen, wie die vom Obersten Gericht festgestellte  "unerlaubte Manipulation des Beweismaterials" zustande gekommen war und dessen Urteil, die Staatsanwälte hätten "die Pflicht, die Wahrheit zu suchen bewusst ignoriert" zu den Akten legen ohne personelle Konsequenzen zu ziehen. Kerry Cook war dazu bereit, da ihm gedroht wurde, es käme sonst zu einer erneuten Anklage und Todesstrafe.

Kerry Cook heiratete, seinen Sohn nannte er Kerry Justice, dieser ist heute 12 Jahre alt. Er wurde Aktivist gegen die Todesstrafe und schrieb ein Buch über seine Geschichte. 

Seine Geschichte ist auch eine von sechs Geschichten unschuldig Verurteilter, die im Theaterstück "The Exonerated" von Eric Jensen und Jessica Blank erzählt wird. Das Stück wurde 2005 auch Grundlage eines Fernsehfilms.

Der aktuelle Kampf um den Freispruch:

Auch wenn er heute nicht mehr hinter Gittern ist, offiziell ist er ein verurteilter Schuldiger, da kann seine Unschuld noch so erwiesen sein. Kerry Cook kann nur auf einem Weg zu einem echten Freispruch kommen: Das "Texas Board of Pardons and Paroles" muss dem zustimmen und dann Gouverneur Rick Perry auffordern, dem Freispruch ebenfalls zuzustimmen. Aktuell sammelt Kerry Cook Unterschriften für sein Anliegen, er sagt: "Ohne Freispruch fühle ich mich, als wäre ich immer noch in einem texanischen Gefängnis. Bitte unterzeichnet meine Petition an das Texax Board of Pardons and Paroles und Rick Perry, den Gouverneur von Texas, so dass ich nach 35 Jahren mentaler Haft freigesprochen werde und so auch innerlich frei werden kann!"

Der Mensch:

Im Jahr 2000 war ich einen Monat als Journalistin in Texas. Ich hatte ein Recherchestipendium des American Council on Germany. Jedes Jahr können fünf deutsche Journalisten mit einem solchen Stipendium in den USA recherchieren, bewerben kann man sich mit einem Rechercheprojekt. Meines hieß: Die Todesstrafe und Todesstrafenopposition in Texas.
Die Telefonnummer von Kerry gab mir Rick Halperin, ein Aktivist und Professor an einer Universität in Dallas. Kerry lud mich sofort nach Hause zu sich und seiner hochschwangeren Frau ein. Die beiden haben mich sehr herzlich aufgenommen und Kerry hat seine Geschichte sehr offen erzählt.
Es war keine Bitterkeit in ihm, trotz der falschen Verurteilungen – immerhin war er nur ein dankbares Opfer für Polizei und Staatsanwälte gewesen, die einen schnellen Sieg wollten, der ein Todesurteil einschloss. Und das wäre bei einem Professor, dem wirklich Tatverdächtigen, sehr viel schwieriger gewesen, als bei einem "Perversen".
Aber auch die Jahre im Todestrakt, noch in Ellis Unit 1, waren eine große Qual. So wurde Kerry oft von Mithäftlingen brutal misshandelt, die Aufseher sahen zu oder sperrten ihn mit Absicht zu einem besonders gewalttätigen Häftling in die Zweierzelle. Mehrmals versuchte Kerry sich in der Haft umzubringen, und die Bewältigung aller traumatischen Erlebnisse wird für ihn lebenslange Arbeit bleiben. Denn auch, wenn er eine Familie gründen konnte und in der Arbeit gegen die Todesstrafe eine Aufgabe gefunden hat, die Nachwirkungen der Verurteilungen und der Haft verfolgen ihn.
Die Anerkennung seiner Unschuld durch den Staat Texas wäre für ihn wieder ein Stück Genugtuung, was seiner Genesung helfen würde. Er hat das mehr als verdient!  

Sina Vogt.
Arbeitet heute vor allem als Coach und Trainerin. www.sinavogt.eu


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