“Gegen die Todesstrafe” – Zum Welttag am 10. Oktober 2020 – von Ursula Wöll

Hinter den Gittern sitzen Menschen

Noch immer wechsle ich Briefe mit A., der viele Jahre in einer texanischen Todeszelle saß. Kürzlich wurde sein Todesurteil in ein Lebenslänglich verwandelt, er wurde in ein anderes texanisches Gefängnis verlegt. Auch jetzt wird unser Briefwechsel mitgelesen, das zeigen die Stempel auf der Kuvert-Innenseite. Am 10. Oktober, dem Welttag gegen die Todesstrafe, protestieren Menschenrechtler weltweit gegen diese barbarische Strafe. Denn noch immer werden Todesurteile von vielen Staaten gefällt und vollstreckt. So wie im tiefen Mittelalter.

Gegen die Todesstrafe

Wer gefangen ist, hat jeglichen Anspruch auf Privatheit und Selbstbestimmung verloren. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand auf Dauer diese Situation aushält. Gerade war ich vier Tage in einem Krankenhauszimmer in Quarantäne, bis das Ergebnis des Corona-Abstrichs da war. Da ich kein Täschchen für solche Situationen gepackt hatte, war ich völlig ohne irgendeine Anregung. Ich dachte an die JournalistInnen, die in der Türkei, in China oder Saudi-Arabien jahrelang im Gefängnis sitzen. Etwa an Raif Badawi, der seit acht Jahren gefangen ist und um dessen Freilassung sich „Amnesty International“ und „Reporter ohne Grenzen“ bemühen.

Mich brachten vier Tage bereits aus dem Tritt. Und das ohne Angst vor der nächsten Auspeitschung wie Badawi oder gar einer Hinrichtung haben zu müssen. Wie schaffen es die vielen Gefangenen dieser Welt, nicht verrückt zu werden? Fast in jeder Stadt gibt es ja ein Gefängnis, auch in Butzbach und in Gießen. Wir fahren achtlos daran vorbei und verdrängen, wie elend und ausgegrenzt sich die Weggeschlossenen fühlen müssen. In der deutschen Gefangenenzeitung „Lichtblick“ aus der JVA Tegel fand ich ein kurzes, ergreifendes Gedicht von Ralf Sonntag:

Wenn Wände erzählen könnten
von denen, die nachts leise weinen,
von denen, die im Schlaf schreien
oder von denen, die ganz still sind.

Mein texanischer Brieffreund A. zeigt nur ab und an, dass er depressive Phasen durchmacht. Er setzt dann die Bemerkung „Sad Smile“ in Klammern hinter einen Satz. Aber meist ist er bemüht mich aufzuheitern. Vor einigen Jahren schickte er zu meinem Geburtstag sieben schöne Geburtstagskarten, die er wohl an dem ihm zugänglichen Gefängnis-Kiosk zu überhöhten Preisen gekauft hatte. Für jeden Wochentag eine, weil er mich nicht besuchen kann. Das tat mir damals sehr gut.

Strafen wirken nicht abschreckend

Aber müssen denn Verbrecher nicht hart bestraft werden? Verharmlose ich die begangenen Taten? Ich hoffe nicht. Aber durch Strafe werden die Verbrechen ja nicht wieder aus der Welt geschafft. Unser Impuls nach Rache ist zwar verständlich, aber als aufgeklärte Menschen sollten wir uns zur Ordnung rufen. Wenn der Staat gar mordet, um einen Mord zu rächen, wie kann da eine Gesellschaft ein liebevolles und barmherziges Miteinander leben? Auch das Argument, drakonische Strafen schrecken andere ab, ist inzwischen völlig überholt. Verbrechen werden im Affekt oder aus einer benachteiligten gesellschaftlichen Lage begangen. A. ist Afroamerikaner, von denen überdurchschnittlich viele im Gefängnis sitzen und hingerichtet werden. Nicht weil Afroamerikaner eine Anlage zum Verbrechen hätten. Seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd im Mai 2020 diskutieren wir erneut über die Vorurteile gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe und über ihre gesellschaftliche Benachteiligung auf dem Arbeits-, Bildungs- und Wohnungsmarkt.

Leben ist ein Menschenrecht

Schon der italienische Aufklärer Cesare Beccaria schrieb 1764 mit seinem berühmten Buch „Von den Verbrechen und den Strafen“ gegen Folter und Todesstrafe an. Er erreichte langfristig eine differenziertere Ansicht über diese Strafe, die ja selbst ein Menschenrecht, das Recht auf Leben, verletzt. Von Beccaria zur UN: Am 10. Dezember 1948 nahm die Generalversammlung der Vereinten Nationen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ an. Sie verbietet zwar nicht ausdrücklich die Todesstrafe, garantiert aber in Artikel 3 das Recht auf Leben eines jeden Menschen.

Auch das Buch des berühmten französischen Dichters Victor Hugo mit dem Titel „Der letzte Tag eines Verurteilten“ (Anaconda-Verlag, 3,95 Euro) ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Todesstrafe. Auf 94 Seiten schildert er die Gefühle des fiktiven Verurteilten und auch die Gründe, warum jemand zum Täter wird. Die Einleitung des Dichters von 1832 endet so: „Ihr werdet die vollständige Umformung des Strafgesetzes erleben. Man wird das Verbrechen als eine Krankheit ansehen… Man wird Balsam und Öl anwenden, wo jetzt Feuer und Eisen gebraucht wird. Mit Liebe wird man das Übel behandeln, das man einst mit Wut anfasste.“

Die „Initiative gegen die Todesstrafe e.V.“ schrieb 2018 ihre Briefpartner in amerikanischen Death Rows an und bat um Beiträge über deren Alltag. Mehr als 100 Erzählungen, Gedichte und Zeichnungen von Gefangenen aus neun US-Bundesstaaten gingen ein. Sie wurden in dem Buch „Leben im Todestrakt“ von Gabi Uhl herausgegeben (über epubli.de, 11,60 Euro). Die Beiträge zeigen, dass da nicht nur Verbrecher, sondern Menschen zum Tode verurteilt wurden. Manche der Verfasser leben nicht mehr, so der hingerichtete Troy J. Clark. In einem Gedicht beteuert er seine Unschuld. Aber alle Petitionen an den texanischen Gouverneur halfen nichts. Ob da ein unerfahrener Pflichtverteidiger am Werk war? Da die meisten Verurteilten arm sind, können sie sich keinen teuren Wahlverteidiger leisten. Juan Melendez, der 18 Jahre im Todestrakt in Florida einsaß, hatte Glück. Er kam wegen erwiesener Unschuld frei. Er hat bis heute Alpträume, dass er geholt wird.

Ursula Wöll ist Mitglied der Initiative gegen die Todesstrafe e.V. und gab uns die Erlaubnis, diesen zuerst im “Landboten” von ihr veröffentlichten Artikel auch in unserer Website online zu stellen.

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