Welttag gegen die Todesstrafe – FRAUEN im Todestrakt – Teil 1: Lisa Jo Chamberlin, Mississippi (USA)

FRAUEN in der Todeszelle:
Ungesehene Realität

Am 10. Oktober 2021 ist der 19. Welttag gegen die Todesstrafe den Frauen gewidmet,

die von einer Verurteilung zum Tode bedroht sind,

die ein Todesurteil erhalten haben,

die hingerichtet wurden, sowie

denen, deren Todesurteil umgewandelt oder wegen Unschuld aufgehoben wurde.

Lisa Jo Chamberlin ist 49 Jahre alt und wurde 2006 gemeinsam mit Roger Lee Gillett (dem Mittäter) des Mordes an Linda Heintzelman und ihrem Freund Vernon Hulett für schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Ihr Ansuchen auf Berufung wurde von dem Obersten Gerichtshof endgültig abgelehnt. Wogegen das Urteil des Mittäters auf Lebenslang ohne Möglichkeit auf Berufung umgewandelt wurde.

Lisa Jo Chamberlin – eine Frau ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Ihr ganzes Leben wird in den Medien auf diese einzige, unbestritten grausame Tat reduziert.

Dieses Drama wird sogar von dem Fernsehsender Discovery Channel zweimal in einer Dokureihe “Investigation Discovery” thematisiert, und zwar in den Folgen “Deadly Women” und “Wicked Attraction”. Aus einer Frau wird ein Monster gemacht, aus ihrem Leben eine Show. Man hätte den Eindruck, als ob Lisa Jo bereits im Jahr 2006, gleich nach der Urteilsverkündung, von uns gegangen wäre, denn seither gibt es in den Medien keine Spur von ihrem weiteren Leben.

Lisa Jo Chamberlin ist jedoch so viel mehr. Sie ist eine Frau mit Gefühlen, Wünschen und Träumen. Sie hat Interessen und Bedürfnisse. Sie teilte uns mit, dass sie sich einen Newsletter für Frauen im Todestrakt zu schreiben wünscht, weil sie die einzige Frau im Todestrakt ihres US-Bundesstaates ist.

Lisa Jo Chamberlin hat eine Stimme, die sie mit uns durch den folgenden Text teilen möchte:

Pros and Cons –
does the Good outweigh the Bad or does it Balance the Scales of Justice

By Lisa “Jo” Chamberlin (48) – on Death Row Mississippi since 2006

My name is Lisa „Jo“ and the worst part for myself about being on death row is not being able to choose anything about my own life.

Yes, I choose how I respond, what I read or if I want a tray or not. But what about classes, what about doing all I can, or have to become a functioning inmate.

What about deciding the kind of people you surround yourself with or fiving each other’s hair, putting make up on together or being able to share a photo with another.

This is the loneliest place I have ever been. Sometimes I feel like I’ll grab any crumb offered, because I yearn for peers & friends, a church family.

To hug my child and granddaughter. To be able to talk on the phone, but can’t because of the burden of money, having to ask for money rather than earn it.

These are many of my woes of being a female on death row. The only one in Mississippi.


These are the best parts for myself being on death row: I have learned how to be grateful for small things. How to respect those in authority.

I have a relationship with God and am learning to depend on Him instead of the world.

I realize how important life is and why it is important. I have been able to work through much of my brokenness and see my greatness through God’s view, not humans.

I have been beat down and learned how to get back up sober, rationally and not run away. The value of relationships, the value of a picture or even a pack of salt.

The joy of kind words, forgiveness. But above all else I have become the woman God called me to be and this situation is what it has taken.

The only change I would make is that lives didn’t have to be lost.

Lisa „Jo“

Pro und Kontra –
Überwiegt das Gute das Schlechte oder gleicht es die Waage der Gerechtigkeit aus?

Von Lisa „Jo“ Chamberlin (48) – seit 2006 im Todestrakt von Mississippi

Mein Name ist Lisa „Jo“ und das Schlimmste daran, im Todestrakt zu sein, ist, dass ich nicht über mein eigenes Leben entscheiden kann.

Ja, ich entscheide, wie ich reagiere, was ich lese oder ob ich ein Tablett möchte oder nicht. Aber was ist mit dem Unterricht, was ist damit, alles zu tun, was ich kann oder muss, um ein funktionierender Häftling zu werden?

Was ist mit der Entscheidung, mit welchen Leuten man sich umgibt, oder wie man sich gegenseitig die Haare macht, sich gemeinsam schminkt oder ein Foto mit einem anderen teilen kann.

Dies ist der einsamste Ort, an dem ich je war. Manchmal habe ich das Gefühl, jeden angebotenen Krümel zu ergreifen, denn ich sehne mich nach Gleichaltrigen und Freunden, nach einer Kirchenfamilie.

Mein Kind und meine Enkelin zu umarmen. Ich möchte telefonieren können, kann es aber wegen der Menge des Geldes nicht, weil ich um Geld bitten muss, anstatt es zu verdienen.

Das sind viele meiner Sorgen, eine Frau im Todestrakt zu sein. Die einzige in Mississippi.

Das sind die besten Seiten für mich, die ich im Todestrakt bin: Ich habe gelernt, für kleine Dinge dankbar zu sein. Wie man die Autoritätspersonen respektiert.

Ich habe eine Beziehung zu Gott und lerne, mich auf ihn zu verlassen und nicht auf die Welt.

Ich habe erkannt, wie wichtig das Leben ist und warum es wichtig ist. Ich konnte einen Großteil meiner Gebrochenheit aufarbeiten und sehe meine Größe aus Gottes Sicht, nicht aus der Sicht der Menschen.

Ich bin niedergeschlagen worden und habe gelernt, nüchtern und vernünftig wieder aufzustehen und nicht wegzulaufen. Den Wert von Beziehungen, den Wert eines Bildes oder sogar eines Päckchens Salz.

Die Freude über freundliche Worte und Vergebung. Aber vor allem bin ich die Frau geworden, zu der Gott mich berufen hat, und diese Situation hat mich dazu gebracht.

Das Einzige, was ich ändern würde, ist, dass kein Leben verloren gehen dürfte.

Lisa „Jo“

Lisa Jo Chamberlin sucht über unsere Website nach Brieffreunden, ebenso wie mehrere weitere Frauen in den US-Todestrakten von Arizona (Sammantha U.), Kalifornien (Tanya N.) und North Carolina (Carlette P.).

Elzbieta Marek
Initiative gegen die Todesstrafe e.V.

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