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09.07.2004 | Texas: Freudentränen im Todestrakt

Münchener Abendzeitung

HUNTSVILLE

Todeskandidat Troy Albert Kunkle und Christa Haber saßen durch eine Glasscheibe getrennt, hielten die Telefonhörer in den Händen. Die Münchnerin (41) versuchte dem Todgeweihten, der an diesem Tag sterben sollte, Trost zu spenden. Es war kurz nach zehn Uhr Ortszeit, acht Stunden vor der geplanten Todes-Injektion, als die Tür zum Besucherraum im Todestrakt von Livingston, Texas, aufgerissen wurde.

Christa Haber zur AZ: Troys Anwalt kam hereingestürmt und rief nur ein Wort: ‘Stay!’ Wir wussten alle, was das bedeutet: Aufschub. Troy jubelte hinter der Glasscheibe, Troys Mutter Judy brach in Tränen aus und ich konnte mich auch nicht mehr beherrschen.' Troy fasste sich und sagte: Ich will für meine Mutter weiterleben.

'Der Richter des US-Supreme Court, Antonin Scalia, hatte einen Aufschub der Hinrichtung des wegen Raubmordes zum Tode verurteilten Troy Kunkle (38) verfügt. Das Gericht will zunächst die Eingabe von Troys Anwalt Robert McGlasson prüfen. Das kann aber erst nach den Gerichtsferien im August geschehen. Dass die Tat im Drogen- und Alkoholrausch geschah, wurde nicht ausreichend berücksichtigt, und darum haben wir erneut für die Umwandlung in Lebenslang geklagt', erklärte McGlasson der AZ. Ohne Christa Haber, die seit drei Jahren für Kunkle kämpft, ist diese Entwicklung kaum vorstellbar. Vor einem Jahr wollte es die Diplom-Pädagogin nicht mehr bei ermutigenden Briefen belassen, sondern verließ ihr Münchner Zuhause am Rosenheimer Platz, zog mit ihrem Mann Heiko in die Nähe des Gefängnisses von Kunkle und machte dort eine Pension für Besucher des texanischen Todestraktes auf.Christa Haber weiß, was sie tut: Ich will nichts bagatellisieren. Aber Troy war 18. Wir machen alle Dummheiten in dem Alter.' Aber Mord? Ja, er hat den Knast verdient', antwortet sie. Auch lebenslang, er hat getötet. Aber niemand, auch nicht die USA, hat das Recht, ihn auch zu töten.

Deswegen kämpft sie gemeinsam mit der deutschen Initiative gegen die Todesstrafe, hat eine Online-Petition (www.petitiononline.com/troy07/petition.html) ins Internet gestellt mit der Bitte an den texanischen Gouverneur Rick Perry, Troy zu begnadigen. Christa Haber hatte wenige Tage vor der geplanten Exekution eine erste Unterzeichner-Liste beim Gouverneur abgegeben. Doch eine Antwort blieb ihr der Verfechter der Todesstrafe bislang schuldig.Verhaltene Freude bei Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly: 'Natürlich ist es eine Erleichterung. Aber mehr als ein Aufschub ist es im Moment nicht. Man wird abwarten müssen.`

'Wie ging es Troy am Tag seines angekündigten Todes? 'Er war sehr gefasst', erinnert sich Christa Haber an ihr Gespräch vor der geplanten Exekution. Troy ist in den Jahren seiner Haft sehr gläubig geworden.' Nach dem ersten Jubel kamen bei dem gebürtigen Nürnberger dann zwiespältige Gefühle auf. Denn der Aufschub bedeutet keine Entscheidung gegen die Hinrichtung. Troy will zwar weiterleben, aber die Hölle in der Todeszelle hält er nicht aus.

Die Erniedrigungen und die Gewalt durch die Wärter sowie die quälende Wartezeit bis zum möglichen nächsten Termin, das alles macht ihn verrückt.“

J. Schneider/F. Rechtmann

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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