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04.08.2007 | Ohio:Das langsame Sterben Christopher Newtons

In Ohio wird die Todesstrafe per Giftspritze vollstreckt. Bei Häftling A378452 dauert es fast zwei Stunden, bis er tot ist.
Das Protokoll einer Hinrichtung.

(...) Die Techniker suchen Newtons Armbeugen nach Venen ab – vergeblich. Wegen seiner Fettleibigkeit liegen sie tief unter der Haut. Dann betasten sie Newtons Ober- und Unterarme sowie seine Ellbogen, Handgelenke und Hände. Sie ziehen sein rechtes Hosenbein hoch und massieren und klopfen Newtons Wade und sein Fußgelenk ab. Zehnmal stechen sie mit Kanülen in Newtons Arme. Die Vollzugsbeamten reichen den Technikern Alkohol und Wattebäusche, mit denen sie die Einstichstellen desinfizieren. Auf den Bildschirmen im Zeugenraum ist zu sehen, wie Newton mit den Männern spricht und lacht.

(...) Die Techniker beginnen, schneller und hektischer zu arbeiten. Wenn die Hinrichtung zu lange dauert, kann sie abgebrochen werden. Um 10 Uhr 28 finden sie eine Vene in Newtons linkem Arm zwischen Schulter und Armbeuge. Sie legen eine Kanüle, durch die eine Kochsalzlösung fließt, die verhindern soll, dass sich die Vene wieder schließt. Die Mediziner suchen nun den rechten Arm ab. Zwar soll das Gift durch den linken Arm fließen. Doch eine neue Vorschrift verlangt, dass ein zweiter Eingang gelegt wird.

Im Jahr zuvor war die Kanüle bei der Exekution des Mörders Joseph Clark falsch gesetzt worden, was die Hinrichtung verzögerte. Das soll verhindert werden. Im Zeugenraum macht sich Unruhe breit. Niemand spricht, aber Mägen knurren. Die Journalisten beobachten die Zeugen, die sich in der Panoramascheibe spiegeln. Sie schreiben einander Zettel.

(...)10 Uhr 38. Mehr als eine halbe Stunde nach Beginn der Hinrichtung haben die Techniker noch keine zweite Vene gefunden. Newtons Anwalt Rob Lowe verlässt den Zeugenraum, um sich bei einem Rechtsanwalt von Ohios Gefängnisbehörde über die Vorgänge zu erkundigen. Als er zurückkehrt, flüstert er Newtons spirituellem Begleiter, Dan Newman, zu, dass Ohios Gefängnisbehörde die Techniker beruhigt habe: 'Nehmt euch Zeit, fühlt euch wohl und macht eure Arbeit.' In den Exekutionsreglements des Staates Ohio steht: 'Alle Hinrichtungsschritte sollen in einer professionellen, humanen, sensiblen und würdevollen Weise ausgeführt werden.'

Die Techniker arbeiten wieder ruhiger. Um 10 Uhr 58 verlassen sie den Raum für zwei Minuten. Kurz nach elf steht Newton auf. Er muss auf die Toilette. Zeitgleich verlässt die Sprecherin von Ohios Gefängnisbehörde den Zeugenraum. Sie bittet die Presseagenturen darum, die Nachricht von Chris Newtons Hinrichtung nicht wie geplant schon um 12 Uhr zu verbreiten.

11 Uhr 28. Die Techniker finden eine zweite Vene in Newtons rechtem Oberarm. Sie legen eine Kanüle. Fünf Minuten später setzt sich Newton auf die Bettkante. Etwa zeitgleich betreten der Gefängnisoberaufseher und der Gefängnisgeistliche die 'Execution Chamber', den Hinrichtungsraum. Der Aufseher trägt einen grauen Anzug, der Geistliche einen schwarzen. Sie vermeiden Augenkontakt mit den Zeugen, die hineinschauen. Der Boden des Hinrichtungsraums ist weiß gekachelt, die Backsteinwände sind beigefarben gestrichen. In der Mitte steht der Exekutionstisch längs zu den Zeugen. Die Tischplatte ist auf zwei Metallsäulen befestigt. Die Säule unter einem Ende ist etwas höher, so dass die Platte schräg liegt. Das obere Ende ist für den Kopf des Häftlings bestimmt. Neben dem Tisch steht ein Tritt, der dem Häftling helfen soll, hinaufzusteigen. Auf der Tischplatte liegt eine weißbezogene dünne Matratze. Auf Armhöhe ragen rechts und links zwei flache Holzleisten aus dem Tisch heraus.

In der Todeszelle steht Newton von seinem Bett auf. Die Bildschirme erlöschen. Der Häftling läuft die 17 Schritte zur nebenan gelegenen Todeskammer. Vier Beamte laufen vor ihm, zwei neben ihm. Sie tragen graue Hemden und schwarze Krawatten, dazu schwarze Hosen. Waffen hat keiner der Männer dabei. Sie treten in die Todeskammer. Je ein Beamter postiert sich an einer Ecke des Todesbetts. Durch die Scheibe erkennt Newton die Zeugen und zwinkert ihnen zu. Er legt sich auf den Hinrichtungstisch.

(...)Um 11 Uhr 37 wird das für die Zeugen unsichtbare Signal gegeben, den Fluss des Schlafmittels Thiopental in Gang zu setzen. Es lähmt das Gehirn und schaltet das Bewusstsein aus. Newton schließt die Augen und schläft ein. Sein Bauch und seine Brust heben und senken sich. Nun fließt Pancuroniumbromid. Die Chemikalie unterbricht die Übertragung der Nervenimpulse auf die Muskeln. Newtons Lunge erschlafft und seine Atmung stoppt. Er fängt an, zu zittern, sein Bauch verkrampft sich und sein Unterkiefer bibbert. Stirn und Hände färben sich blau. Um 11 Uhr 45 hört Newton auf zu atmen. Jetzt wird Kaliumchlorid injiziert, das eine unkoordinierte Kontraktion der Herzmuskeln auslöst und zum Herzstillstand führt.

Der Exekutionsteamführer zieht den weißen Vorhang vor der Zeugenscheibe zu. Ein Leichenbeschauer betritt die Todeskammer und stellt den Tod Newtons fest. Kurz darauf wird der Vorhang wieder aufgezogen. Der Oberaufseher nimmt das Mikrofon von der Wand und sagt: 'Todeszeitpunkt 11 Uhr 53.' Der Vorhang wird wieder geschlossen. Die Zeugen werden, voneinander getrennt, aus dem Zeugenraum geführt.

Die Hinrichtung Christopher Newtons hat rund zwei Stunden gedauert, es ist die längste Hinrichtung in Ohio seit 1999. Die durchschnittliche Dauer einer Hinrichtung per Giftspritze beträgt in den USA 20 Minuten. Zwischen dem tatsächlichen Beginn des Giftflusses und dem Eintreten des Todes vergehen durchschnittlich sieben bis acht Minuten.

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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