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21.03.2008 | Südkorea: Todesstrafe wird wieder in Betracht gezogen

Am 30. Dezember letzten Jahres wurde Südkorea ein in der Praxis todesstrafenfreies Land. Obwohl die Todesstrafe theoretisch weiterhin für Kapitalverbrechen wie Mord verhängt werden kann, ist die Strafe doch seit einem Jahrzehnt nicht mehr vollstreckt worden. Die Bezeichnung 'in der Praxis todesstrafenfrei'stammt von Amnesty International. Während der Regierungszeit von Kim Young-sam wurden zuletzt am 30. Dezember 1997 die Urteile an 23 Todestraktinsassen vollstreckt. Weitere 58 zum Tode Verurteilte sitzen in Haft.

Dass unter Kim Dae-jung und Roh Moo-hyun in den vergangenen zehn Jahren keine Hinrichtungen durchgeführt wurden, scheint den politisch links ausgerichteten Regierungen eigen zu sein. Unter diesen werden bei Straftaten die Begleitumstände und Ursachen häufig mehr in den Mittelpunkt gerückt als das Verbrechen als solches. So stellen sie mehr Probleme im Zusammenhang mit Armut, Ungleichheit und sozialer Diskriminierung fest, die zu Morden führen, als im Zusammenhang mit den Tätern, die Morde begehen. Daher legen sie den Schwerpunkt eher auf die Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme als auf die Bestrafung von Straftätern.

Religions-, Bürger- und Menschenrechtsorganisationen, die sich für die Abschaffung der Todesstrafe starkmachen, scheinen die Abschaffung als fait accompli anzunehmen. Ihnen zufolge sei die Todesstrafe in dem Land völlig abgeschafft, sobald die übrigen Gesetzesregelungen nicht mehr gültig sind. Ist das Thema damit erledigt?

Im Internet entrüsteten sich einige über eine Reihe kürzlich verübter brutaler Morde, daher scheint dies nicht der Fall zu sein. Websites zum Mord an einer Mutter und ihrer drei Töchter durch einen ehemaligen Profi-Baseballspieler sowie der an zwei Schulmädchen in Anyang in der Provinz Gyeonggi werden mit wütenden Kommentaren geradezu überhäuft. Man fordert die Hinrichtung der Straftäter. Und dies geschieht nicht zum ersten Mal – es wiederholt sich, wann immer besonders grausame Morde stattfinden wie der an 21 Menschen durch den Serienmörder Yoo Young-chul.

Vielleicht sind derartige Ausbrüche ein spontaner Ausdruck der Empörung darüber, dass ein Mensch in der Lage ist, so etwas einem anderen Menschen anzutun – dann sollte man ihnen keine zu große Bedeutung beimessen. Doch man darf die zugrunde liegenden menschlichen Gefühle auch nicht völlig außer Acht lassen.'Auge um Auge, Zahn um Zahn.' Menschen haben nun einmal den Wunsch nach Vergeltung. Das ist der Hintergrund bei der Todesstrafe.

Als Gründe für die Abschaffung führen die Verfechter die Unverletzlichkeit und Würde der Menschenrechte an, mögliche Fehlurteile und potentiellen politischen Missbrauch. Besonders hervorgehoben wird, daß Straftaten dadurch nicht wirksam verhindert werden. Befürworter der Todesstrafe hingegen sagen, dass Fehlurteile durch weiterentwickelte wissenschaftliche Untersuchungsmethoden minimiert werden können und dass politischer Missbrauch nur in Diktaturen vorkomme. Sie fügen hinzu, es sei unsicher, ob diese Strafe abschreckende Wirkung habe. Als wichtigsten Grund nennen sie den Wunsch nach Vergeltung – lebenslange Haftstrafen besäßen niemals diese Wirkung.

Von Anbeginn der Menschheit an gab es die Todesstrafe, und die Auseinandersetzung darüber wird weitergehen, solange es Menschen gibt. Diese Frage wird nicht einfach zu lösen sein. Dennoch ist es verständlich, dass wir darüber nachdenken, wenn gerade besonders grausame Verbrechen stattgefunden haben. Sollen wir die Todesstrafe wirklich abschaffen?

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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