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25.05.2009 | Texas: Anwälte mit Kapitalstrafsachen überfrachtet Nahezu ein Drittel bearbeitet mehr als empfohlene Obergrenze an Verbrechensfällen

Eine Untersuchung des Chronicle über die Zuteilung von 16.000 Verbrechensfällen in Harris County in den Jahren 2004-2009 ergab:

• Mehr als 150 Fälle pro Jahr: Zehn der Anwälte, die von Richtern zur Verteidigung von Angeklagten in Kapitalstrafsachen zugelassen wurden, überschreiten regelmäßig die USA-weit verfügte Obergrenze von 150 Fällen, in denen Angeklagten lebenslange Haft oder die Todesstrafe droht.

• Etwa 200 Verstöße: Anwälte haben offenbar entgegen der Richterverfügung mehr als 200-mal täglich fünf oder mehr zugewiesene Verbrechensfälle übernommen.

• Zahlreiche Kapitalstrafsachen: Ein Dutzend Fälle wurde den gleichen Anwälten mit weniger als 60 Tagen Abstand zugewiesen, was ebenfalls einen Verstoß gegen die Richterverfügung darstellt.

Anwalt Jerome Godinich, der dieses Jahr vom Berufungsgericht für den 5. Bundesgerichtsbezirk bestraft wurde, da er wiederholt Fristen in Todesstrafenfällen hat verstreichen lassen, vertrat in Harris County jährlich durchschnittlich rund 360 Straftäter – eine Zahl, die von keinem anderen erreicht wurde.

Doch selbst bei anderen Anwälten, die in Harris County für Todesstrafenfälle zugelassen sind, ist eine hohe Anzahl von Fällen keine Ausnahme.

Insgesamt überschreiten regelmäßig zehn der 32 dort von Richtern zugelassenen Anwälte von Mandanten, welche lebenslänglich oder die Todesstrafe zu erwarten haben, die empfohlene Höchstgrenze von 150 Straftätern pro Jahr – das ist eine Richtzahl, die 1973 aufgestellt und von der National Legal Aid and Defender Association übernommen wurde. Diese Anwälte, denen jeweils zwischen einer und zehn Kapitalstrafsachen zugewiesen wurden, handhabten jedes Jahr gleichzeitig circa 160 bis 360 derartiger Fälle, wie die Auswertung der offiziellen gerichtlichen Fallzuweisungen von 2004-2009 ergab.

Stephen Bright, ein Fachmann auf dem Gebiet der Anwaltsvertretung in Kapitalfällen, der an den juristischen Fakultäten in Yale und Harvard lehrt und der die Ergebnisse des Chronicle überprüfte, hält es für ein Unding, wenn Anwälte in dieser Kategorie pro Jahr fast 400 Mandanten vertreten. 'Das sind viel zu viele Fälle, da ist kein Raum für irgendwelche anderen Fälle, schon gar nicht Kapitalstrafsachen.'

Einige Strafsachen können sozusagen innerhalb von Minuten erledigt werden, doch wenn die Todesstrafe droht, kann es auch schon ein Jahr dauern. Viele Mandate gleichzeitig beschränken die Zeit, die Anwälte bedürftiger Angeklagter pro Fall aufwenden können. Entschädigt werden sie aus Steuergeldern.

Richter, die in Harris County Anwälten Fälle zuweisen, überwachen selbst bei Todesstrafenfällen nicht, wie viele Strafsachen ein Anwalt bearbeitet. Durch ihre Verfügungen versuchen Richter zu begrenzen, wie häufig einem Anwalt Verbrechensfälle und Kapitalstrafsachen zugewiesen werden. Doch wie die Ergebnisse zeigen, wird selbst gegen diese Vorgaben verstoßen, die aufgestellt wurden, nachdem ein völlig überlasteter Anwalt in Kapitalfällen Selbstmord beging.[...]
(Quelle: Houston Chronicle)

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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