zurück zur Übersicht

02.09.2010 | Spiegel: Interview mit Irans Außenminister

In einem Interview durch den SPIEGEL spricht der iranische Außenminister Manutschehr Mottaki, 57, über das Steinigen von Ehebrechern, die Folgen der Sanktionen westlicher Staaten gegen den Iran sowie die Gefahr eines Militärschlags gegen sein Land.

SPIEGEL: Herr Außenminister, Sie sind der dienstälteste Diplomat der Islamischen Republik Iran. Sie repräsentieren ein Land, das stolz auf seine über 2500-jährige Kulturgeschichte verweist. Halten Sie es nicht für schändlich, dass in Ihrem Land Menschen zu Tode gesteinigt werden?

Manutschehr Mottaki: Sie kommen aus einem Land, das während eines tyrannischen Krieges Millionen Menschen ermordete, und Sie wollen mit mir über Menschenrechte diskutieren? Gut, wir können sicher über die Gesetze verschiedener Staaten sprechen, und natürlich können wir in freundschaftlicher Atmosphäre unterschiedliche juristische Ansätze erörtern.

SPIEGEL: Es geht hier nicht um juristische Feinheiten. Die Steinigung ist ein eklatanter Verstoß gegen die allgemein gültigen Menschenrechte. Sie ist barbarisch.

Mottaki: Im Islam herrscht ein Rahmenwerk von Bestrafungen. Verbrechen, die mit dem Tode bedroht sind, werden im Iran besonders sensibel behandelt, da der Islam dem menschlichen Leben einen besonderen Wert zugemisst. Im Koran heißt es, [wenn einer einen Menschen tötet (...), gelte er als hätte er alle Menschen getötet. Und wenn einer ein Leben verschont, gelte er als hätte er das Leben aller Menschen verschont.]

SPIEGEL: Wir sprechen jetzt nicht von Mord, wofür im Iran die Todesstrafe durch den Strang verhängt wird, sondern über das Steinigen von Ehebrechern. Internationale Menschenrechtsorganisationen berichten, es habe allein in den letzten fünf Jahren sieben solcher Fälle gegeben.

Mottaki: Ich habe keine Bestätigung für Ihre Angabe. Allerdings sagt sie aus, dass solche Urteile tatsächlich nur ganz selten vollstreckt werden.

SPIEGEL: Es sind 14 weitere Personen namentlich bekannt, die gesteinigt werden sollen. Damit steht der Iran auf einer Stufe mit Ländern wie Somalia oder Afghanistan, als dieses Land noch unter Talibanherrschaft stand.

Mottaki: Gewisse Kreise erheben solche Anschuldigungen, doch der Westen sollte vorsichtig sein und sich nicht von Leuten verleiten lassen, denen daran liegt, unseren Ruf zu schädigen. Vieles was über diesen jüngsten Fall berichtet wurde...

SPIEGEL: …die bevorstehende Steinigung von Sakineh Mohammadi Ashtiani …

Mottaki: …sind entweder völlig unkorrekt oder widersprüchlich. Dieser Fall existiert seit mehreren Jahren und man hat nichts dazu unternommen, und zwar absichtlich. Und nun wird die Kampagne von Leuten unterstützt, die mit Hilfe einiger europäischer Politiker und der Medien etwas konstruieren wollen. Wir werden in Kürze bekanntgeben, was noch dahinter steckt. Wenn Sie von Afghanistan sprechen, warum erwähnen Sie dann nicht die Opfer der ausländischen Soldaten? In Folge ihrer militärischen Feldzüge sind zahllose Menschen ums Leben gekommen. Aber Sie halten mir diesen einen Fall vor und vergleichen uns dann mit Afghanistan.

SPIEGEL: Werden Sie sich dafür einsetzen, dass Ashtiani nicht gesteinigt wird?

Mottaki: Ich bin kein Richter. Außerdem erfordert dieser Fall weitere juristische Überprüfungen. Es ist noch keine endgültige Entscheidung gefallen.

SPIEGEL: Dieser Fall ist nur ein Beispiel für die Geringschätzung von Menschenrechten im Iran. Der Iran, der vergangenes Jahr 400 Menschen hingerichtet hat, steht an zweiter Stelle auf der Liste der Länder, in denen die Todesstrafe noch angewendet wird – gleich hinter China, das eine 20-mal größere Bevölkerung aufweist.

Mottaki: Sie müssen unsere Situation verstehen. Der Iran liegt in einer Region, in der viel Geld durch Drogenhandel verdient wird. Die meisten Verbrechen hängen mit diesem Geschäft zusammen. Dagegen müssen wir eine kompromisslose Haltung einnehmen. Etwa 4000 Polizeibeamte und Soldaten haben im Kampf gegen Dealer in unserem Land ihr Leben gelassen. Bei uns werden Verbrecher aufgrund unserer Gesetze verurteilt. Straftäter werden fair behandelt. Vergessen Sie nicht, wir stehen an vorderster Front bei der Bekämpfung von Drogenkriminalität. Der Iran schützt damit auch die jungen Leute und die Bevölkerung in Ihrem Land. Deutschland ist eine Zielscheibe des Drogenhandels.

SPIEGEL: Doch es werden nicht nur Kriminelle hingerichtet. Auch gegen politische Gefangene werden Todesurteile verhängt.

Mottaki: Im Iran wird niemand aus politischen Gründen hingerichtet. Sie haben keine Beweise, um das Gegenteil zu belegen.

[...]

(Quelle: Spiegel-Online)

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

zurück zur Übersicht