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08.09.2012 | Ohio: Todestraktinsasse kommt nach 21 Jahren frei

Zum zweiten Mal binnen eines Jahres hat der Bundesstaat Ohio einen bereits rechtskräftig zum Tode Verurteilten von allen Anklagepunkten befreit.

Gegen den 62-jährigen Michael Keenan, der 21 Jahre im Todestrakt verbringen musste, hob Richter John Russo in Cuyahoga County die Mordanklage auf, da seinen Rechtsvertretern im Prozess entlastende Beweise vorenthalten worden waren.

Keenan wurde in zwei Prozessen für schuldig befunden, 1988 den damals 19-jährigen Tony Klann in einem Park in Cleveland erstochen zu haben. Der erste Schuldspruch wurde vom Obersten Gerichtshof von Ohio aufgehoben wegen Fehlverhaltens der Staatsanwaltschaft, doch in einem zweiten Strafverfahren erhielt Keenan 1994 erneut die Todesstrafe.

Richter Russo erklärte, die von der Staatsanwaltschaft zurückgehaltenen Beweise wären für Keenans Verteidigung nützlich gewesen. Der bereits angerichtete Schaden könnte durch eine Wiederaufnahme des Verfahrens nicht mehr behoben werden, so ein Ergebnis der Anhörung von Donnerstag.

Die amtierenden Staatsanwälte ließen mitteilen, sie werden voraussichtlich Berufung einlegen.

John Hildebrand, der Anwalt von Michael Keenan, freute sich mit seinem Mandanten über diesen Ausgang. Er gab aber auch zu bedenken: „Nur weil die Anklage Beweise zurückgehalten hat, wurde viel Geld dafür ausgegeben, ihn [im Todestrakt] einzusperren.“

Am Donnerstag sagte Hildebrand, die Staatsanwaltschaft habe selbst noch am Mittwoch einen Deal angeboten. Keenan solle sich der fahrlässigen Tötung schuldig bekennen und käme unmittelbar auf Bewährung aus dem Gefängnis frei. Keenan habe jedoch nicht davon abrücken wollen, wie von Beginn an seine Unschuld zu beteuern. Hildebrand fügte hinzu, sein Mandant behalte sich das Recht vor, den Bundesstaat wegen unrechtmäßiger Inhaftierung zu verklagen.

Ein weiterer Angeklagter war ebenfalls für die Ermordung Klanns verurteilt worden. Joseph D’Ambrosio erhielt Hilfe von einem katholischen Priester, der sich mit ihm angefreundet hatte. Der Priester fand Beweise, die beide Verurteilten im Prozess hätten entlasten können. Darunter waren Erklärungen der Polizei, die zum Ergebnis kamen, Klann könne gar nicht an der Stelle ermordet worden sein, wo dem Zeugen der Anklage zufolge der Tatort gewesen sein soll. Edward Espinoza hatte sich als Zeuge angeboten, erklärte sich in der gleichen Sache des Totschlags schuldig und erhielt dafür eine verminderte Strafe. Er verbüßte 12 Jahre in Haft und erlangte 2001 die Freiheit wieder; er ist inzwischen verstorben.

D'Ambrosio wurde endgültig im Januar 2012 entlastet und gilt als 140. unschuldig aus dem Todestrakt Freigekommener in den USA. Es wird erwartet, dass Keenan nur neun Monate nach D’Ambrosio offiziell als 141. nachträglich entlasteter zum Tode Verurteilter in dieses unrühmliche Kapitel der Strafrechtsgeschichte in den USA eingeht.

Quellen: Huffington Post, Death Penalty Information Center

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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