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19.11.2012 | Südsudan: Der junge Staat und die Strafjustiz

Südsudan hat die Todesstrafe sozusagen "von den Weißen geerbt" - so sieht es Telar Deng, Berater des Präsidenten in juristischen Fragen. Früher habe man eine Blutschuld durch Übereignung von Vieh beglichen.

Das Land hätte die Chance, sich der Todesstrafe zu entledigen, während es sich eine eigene Verfassung gibt. Derzeit sitzen allein im Gefängnis der Hauptstadt Juba, dem größten in Südsudan, 104 Menschen im Todestrakt.

Einer von ihnen ist der 27-jährige Martin Woro aus dem südsudanesischen Bundesstaat Central Equatoria. An Heiligabend letztes Jahr betrank er sich, am nächsten Morgen wachte er in einer Haftzelle auf - er konnte sich an nichts erinnern. Im Vollrausch soll er zwei Personen ermordet haben. Woro konnte sich keinen Anwalt leisten. Den Richter habe er genau viermal gesehen, jedesmal für etwa fünf Minuten. Am 24. April verurteilte der Richter Woro zum Tode.

Die Angehörigen eines der Mordopfer hätten sich mit einer Entschädigungsleistung in Form von Geld oder Kühen einverstanden erklärt, doch die Familie des anderen Getöteten besteht auf der Vollstreckung. Zum Tode Verurteilte werden gehängt.

Großbritannien, das Südsudan bis 2015 umgerechnet jährlich etwa 155 Millionen Euro zusagte, hat zwar als Kolonialmacht dazu beigetragen, die Todesstrafe in der Region zu verankern, doch die Briten haben sich seit langem von dieser Form der Bestrafung abgewendet.

Sie sind nicht die einzigen, die in Südsudan ein Hinrichtungsmoratorium verhängt sehen wollen, auch Kanada, Frankreich, die EU und die katholischen Comboni-Missionare rufen dazu auf. Neben der eigenen grundsätzlichen Ablehnung wird vor allem das Justizwesen als problembehaftet kritisiert. So sitzen in der Regierung reihenweise Exgeneräle, was die Gefahr einer Wiederauflage von Machtmissbrauch in sich birgt, wie ihn vormals über drei Jahrzehnte lang das Regime des Sudan ausübte.

Ein Dutzend Todestraktinsassen in den Gefängnissen von Juba und Rumbek, darunter auch zwei wegen Mordes verurteilte Frauen, gaben auf Befragung an, sie hätten keinen Zugang zu Anwälten gehabt. Der ehemalige Soldat Kenneth Kaunda erklärte, das erste, was der Richter in seinem Mordprozess zu ihm sagte, war, dass er schuldig sei.

Quelle: Reuters

 

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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