zurück zur Übersicht

16.05.2012 | Texas: Bericht belegt Hinrichtung eines Unschuldigen

Im Namen des Volkes wurde am 8. Dezember 1989 der 27-jährige Carlos DeLuna vom Bundesstaat Texas für einen Mord hingerichtet, der ihm zu Unrecht angelastet wurde. Dies belegt ein mehrere Hundert Seiten starker Bericht, den Professor Liebman von der renommierten Columbia Universität mithilfe einer Gruppe von Studenten über Jahre hinweg in minutiöser Fleißarbeit recherchierte und nun veröffentlichte.

Das Buch könnte heute als Referenzwerk für ein Wiederaufnahmeverfahren des Falles dienen, bei dem offenbar reihenweise Ermittlungspannen und Fehler der Justiz auf ein Fehlurteil hinausliefen, das einen Unschuldigen das Leben kostete. Richard Dieter vom Death Penalty Information Center ist überzeugt, Carlos DeLuna würde bei einem heute stattfindenden Prozess von den Geschworenen freigesprochen.

Demnach war der Mörder von Wanda Lopez, die am 4. Februar 1983 erstochen worden war, nicht Carlos DeLuna, sondern der ihm verblüffend ähnlich sehende Carlos Hernandez. Selbst Familienangehörige konnten die beiden kaum auseinanderhalten.

DeLuna benannte Hernandez als den tatsächlichen Täter, die Ermittler gingen diesem Hinweis jedoch nicht nach, sondern behaupteten, DeLuna habe sich die Person nur ausgedacht, um von sich abzulenken. Hernandez, der als Informant der Polizei nur selten für seine diversen Delikte zur Rechenschaft gezogen wurde, brüstete sich später vor Zeugen damit, er habe jemand anderen seine Tat büßen lassen. Zwei Monate vor DeLunas Hinrichtung wurde Carlos Hernandez wegen versuchten Mordes zu zehn Jahren Haft verurteilt, er starb 1999 im Gefängnis.

Hinzu kamen dem Bericht zufolge zahllose weitere Pannen. So wurden am Tatort keine Blutproben genommen, die den Mörder hätten identifizieren können. Eine gründliche Untersuchung der Mordwaffe unterblieb. Die Spurensicherung arbeitete derart schlampig, dass keine Fingerabdrücke genommen werden konnten. Viele potentielle Beweisgegenstände wurden erst gar nicht in die Ermittlungen einbezogen.

Ein Bild des Tatorts zeigt einen Schuhabdruck in einer Blutlache, doch nicht einmal diese "Visitenkarte" wurde genauer untersucht, geschweige denn mit DeLunas Schuhen abgeglichen. Selbst der Umstand, dass DeLunas Kleidung nicht einen einzigen Blutspritzer aufwies, machte die Ermittler damals nicht stutzig. Die Staatsanwaltschaft sagte, das Blut sei vom Regen weggewaschen worden. Nach kurzer Zeit gab die Polizei den Tatort frei, Angestellte des Ladens reinigten alles und zerstörten damit unwiederbringlich wertvolle Spuren.

Von offizieller Seite wird ein Fehlurteil bislang ausgeschlossen. Die Staatsanwälte von damals halten unbeirrt daran fest, den Richtigen vor Gericht gebracht zu haben.

Antonin Scalia vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten sagte einmal, er glaube nicht, dass in den USA jemals ein Unschuldiger hingerichtet wurde, denn andernfalls würde alle Welt laut dessen "Namen von den Dächern hinausrufen". Es könnte sein, dass sich das nun bewahrheitet.

Nachzulesen ist der Bericht bei der Columbia Human Rights Law Review, die ihre gesamte aktuelle Ausgabe dem Thema widmet.

Quellen: Spiegel, Columbia University Law School, Guardian, Huffington Post

 

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

zurück zur Übersicht