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10.08.2012 | USA: "Humane" Exekutionen?

Als 1982 in Texas Häftlinge erstmals durch Giftinjektion hingerichtet wurden, sollte diese neue Methode vorgeblich dazu dienen, den Verurteilten schmerzfrei zu Tode zu befördern. Doch die von den meisten Bundesstaaten übernommene Vorgehensweise mit drei Hinrichtungspräparaten ist seither mehrfach in die Kritik geraten.

Am 1. August 2012 sollte Ronald Smith hingerichtet werden. Er war in Montana für zwei Morde zum Tode verurteilt worden. Seit 30 Jahren wartete er darauf, dass ihn der Staat hinrichtet, mehrere Termine wurden angesetzt und wieder verschoben. Nun führte ein Antrag zu einer neuerlichen Verzögerung. Es geht dabei nicht um Smiths Taten, sondern um die Methode, mit der das Todesurteil vollstreckt werden soll.

Eingebracht hat den Antrag die ACLU, die amerikanische Bürgerrechtsorganisation. Sie wendete ein, die in Montana übliche Hinrichtung mit drei Mitteln könne unnötiges Leiden verursachen.

Der Anästhesist Stanley Deutsch hatte sie seinerzeit als "äußerst humane" Methode vorgestellt, mit ihr könne das Leben eines Menschen schnell und schmerzlos beendet werden. Man gab tödlichen Injektionen gegenüber Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl oder in der Gaskammer den Vorzug.

Als erstes wird ein Barbiturat verabreicht, das auf das zentrale Nervensystem wirkt, dadurch wird der Häftling bewusstlos. Ein zweites Mittel lähmt die Muskeln und verhindert das Atmen, bevor Kaliumchlorid als letztes Präparat zum Herzstillstand führt.

Seit der ersten tödlichen Injektion im Namen des Volkes wurden 1129 Verurteilte in den USA mit Gift getötet, doch vor allem in letzter Zeit schiefgegangene Hinrichtungen werfen zunehmend Zweifel auf, ob der Tod wirklich so schmerzlos kommt wie behauptet.

Insbesondere das muskellähmende Mittel könnte verhindern, dass ein nicht vollständig sedierter Mensch außerstande ist, auf seine Schmerzen aufmerksam zu machen.

Am 14. Dezember 2006 dauerte es geschlagene 34 Minuten, bis Angel Diaz auf der Hinrichtungsliege in Florida starb, und man musste dabei die Medikamentengabe sogar wiederholen. Während des Verlaufs nahmen die Zeugen wahr, wie Diaz dabei nach Luft schnappte und das Gesicht verzog. Die Autopsie ergab, dass Diaz chemische Verbrennungen an den Armen erlitten hat, wo Injektionsnadeln durch die Venen hindurch in Weichgewebe gestochen worden waren. Am folgenden Tag setzte der damalige Gouverneur von Florida, Jeb Bush, alle Hinrichtungen bis auf weiteres aus.

Laut einer wissenschaftlichen Veröffentlichung von Anwälten und Medizinern starb der Häftling vermutlich daran, dass er aufgrund des nervenblockierenden Medikaments, nach und nach erstickte. Höchstwahrscheinlich verursachte das Kalium dabei ein Gefühl des Verbrennens. Die Autoren kamen zu dem Schluss: "Die landläufige Vorstellung, die tödliche Injektion habe ausnahmslos einen friedlichen und schmerzlosen Tod zur Folge, ist fragwürdig."

Der Achte Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung verbietet "grausame und ungewöhnliche Bestrafung".

Im Laufe der Jahre sind eine Reihe von Exekutionen alles andere als glatt verlaufen. So wurde 1983 ein Häftling in der Gaskammer von Mississippi hingerichtet. Als Jimmy Lee Gray minutenlang von Krämpfen geschüttelt wurde und seinen Kopf wiederholt gegen einen Stahlpfosten schlug, wurden die Anwesenden aus dem Zeugenraum geführt. Später wurde berichtet, der Henker sei betrunken gewesen.

In Alabama dauerte die Hinrichtung von John Evans 14 Minuten, dabei schlugen Funken und Flammen aus seinem Kopf. Es wurden drei Anläufe unternommen, zweimal wurde am angekohlten Körper von Evans noch Puls festgestellt.

Nachdem Mitglieder des Hinrichtungsteams in Florida 33 Minuten lang nach einer brauchbaren Vene gestochert hatten, sagte Bennie Demps in seinen letzten Worten: "Sie haben mich dort abgeschlachtet. Ich hatte starke Schmerzen. Sie schnitten mir in die Leiste, sie schnitten mir ins Bein. Ich blutete sehr stark."

Im Jahr 2009 schlug die Hinrichtung von Romell Broom fehl. Nach 18 vergeblichen Einstichen wurde sie zwei Stunden nach Beginn abgebrochen. Er befindet sich seither wieder im Todestrakt. Ohio änderte daraufhin als erster Bundesstaat die Vorgehensweise und stieg von drei auf nur noch ein Präparat um, eine Überdosis eines Anästhetikums. Andere Bundesstaaten folgten nach.

Von den 33 Bundesstaaten, die die Todesstrafe anwenden, bedienen sich noch 24 der Methode mit drei Medikamenten, fünf haben inzwischen auf ein Präparat umgestellt und vier weitere kündigten an, ebenfalls auf ein Mittel wechseln zu wollen.

Juraprofessorin Deborah Denno von der Fordham University in New York sagte: "Man konnte in den letzten beiden Jahren mehr Änderungen am Hinrichtungsprotokoll beobachten als in der gesamten Zeit seit den Anfängen mit Giftinjektionen."

Über die Gründe für das Umstellen schweigen sich die Bundesstaaten aus. Es ist wohl auch den Lieferengpässen der diversen Mittel geschuldet, die für die Injektion mit drei Präparaten benötigt werden. Die Europäisch Union, wo die meisten der Medikamente produziert werden, erlegte inzwischen Exportbeschränkungen auf, damit sie nicht bei Exekutionen zum Einsatz kommen.

Dr. Jay Chapman, der Ende der 1970-er Jahre Oklahomas Leichenbeschauer war und die Methode mit drei Medikamenten damals guthieß, befürwortet heute statt dessen die Überdosierung eines Anästhetikums: "Tierärzte verwenden zum Einschläfern ein einziges Mittel, einfach weil diese Methode human ist."

Da der Tötungsvorgang mit einem einzigen Mittel länger dauert, hatte man bei der Entwicklung der tödlichen Injektion nie erwogen, diese ein-Gift-Methode zu verfolgen. Ein langsameres Sterben wurde als weniger human erachtet.

Quellen: BBC News, Death Penalty Information Center

Links:

www.bbc.co.uk/news/magazine-19060961

www.plosmedicine.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pmed.0040156

www.amnesty.de/2012/2/20/romell-broom-die-zweite-hinrichtung

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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