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07.05.2013 | Mississippi: Hinrichtung trotz bestehender Zweifel?

In Mississippi soll heute Willie Jerome Manning hingerichtet werden, dessen Schuld noch nicht zweifelsfrei bewiesen sein soll.

"Beyond a reasonable doubt" (über jeden berechtigten Zweifel hinaus) - dieser Fachbegriff im amerikanischen Justizwesen scheint nur auf den ersten Blick klar, doch die Grenze zwischen "ich bin mir nicht ganz sicher" und absoluter Sicherheit lässt sich mitunter nicht eindeutig ziehen.

Bevor sie überhaupt zum Ergebnis "schuldig über jeden Zweifel hinaus" kommen können, haben die Geschworenen in einem Prozess zunächst von der Unschuld eines Angeklagten auszugehen. Danach ist es Aufgabe des Staatsanwalts, jeden Anklagepunkt zu belegen und vor Gericht als stichhaltig vorzutragen.

Unter diesen Voraussetzungen darf es bei der Entscheidung über schuldig oder nicht schuldig keine Grauzone mehr geben, kein "stimmt, die Fingerabdrücke auf der Tatwaffe konnten dem Angeklagten nicht zugeordnet werden", oder "vielleicht war er es nicht, zur fraglichen Zeit sahen ihn Zeugen im Gespräch mit einem Pfarrer in einer Kirche Tausend Meilen entfernt". Doch häufig sind die Unsicherheiten nicht so eindeutig aufzudecken.

Es gab durchaus belastende Beweise, die auf Willie Manning im Prozess 1994 hinwiesen, doch von Anfang an hat er seine Unschuld beteuert. Außerdem behauptet er, der Staatsanwalt habe die Geschworenen belogen.

Zudem gab es offenbar die ein oder andere Änderung der Zeugenaussagen; so hatte ein Mann zunächst zwei andere Personen als Täter identifiziert, bevor er sich auf Manning als dritte Wahl einschoss, und ein Informant aus dem Gefängnis hat seine Aussage seit dem Verfahren abgeändert.

Man mag auch seine Zweifel haben angesichts der Tatsache, dass bei der Berufung der Geschworenen fast nur Kandidaten mit weißer Hautfarbe ausgewählt wurden - Manning ist schwarz, die beiden Opfer weiß. Dabei wurden Schwarze unter anderem mit dem zweifelhaften Argument abgelehnt, sie würden gern afroamerikanischer Zeitschriften lesen.

Abgesehen davon gibt es "belastendes" Beweismaterial vom Tatort, das bis auf den heutigen Tag nicht auf DNA-Spuren ausgewertet wurde. Genau diese Untersuchung haben Mannings Anwälte mehrfach beantragt, sie wurde ihnen jedoch verwehrt mit dem lapidaren Hinweis, es sei vom juristischen Ablauf dafür "zu spät".

Erst im April 2013 hatte der Oberste Gerichtshof von Mississippi die DNA-Analyse abgelehnt, da anderes vorgebrachtes Beweismaterial bereits zu einem Schuldspruch geführt habe. Eine Untersuchung könne Manning nicht mehr von der Tat freisprechen. Und dies, obwohl keinerlei Beweisgegenstände vorgelegt worden sind, die Manning mit den Morden in Verbindung gebracht hätten.

Sollte der Gouverneur des Bundesstaats und/oder das Oberste Gericht der USA nicht noch einschreiten, wird in Mississippi heute ein Mann exekutiert, bei dem durchaus Fragen hinsichtlich seiner Schuld offen geblieben sind. Und falls Manning tatsächlich nicht der Täter war, läuft dieser dann weiterhin frei herum - vielleicht nur, weil man sich nicht die Zeit nehmen wollte, einen beantragten Test durchzuführen.

Von 1973 bis heute wurden 142 Personen nach einem rechtskräftigen Todesurteil später entlastet und kamen aus dem Gefängnis frei. In der gleichen Zeit wurden 1330 Häftlinge hingerichtet - jeder kann diese Zahlen nebeneinander stellen.

Der frühere Hinrichtungsbeamte von Virginia, Jerry Givens, der während seiner Dienstzeit 62 Häftlinge hingerichtet hat und inzwischen die Todesstrafe strikt ablehnt, sagte dazu: "Wenn ich einen Häftling hinrichte, der unschuldig ist, bin ich keinen Deut besser als die Gefangenen im Todestrakt."

Quellen: Leelofland.com, Initiative gegen die Todesstrafe

 

Nachtrag: Wie Associated Press meldet, hat heute der Oberste Gerichtshof von Mississippi den Vollzug der Todesstrafe an Willie Manning gestoppt. Demnach habe das FBI in den letzten Tagen mitgeteilt, es gebe Fehler in den Erklärungen von Beamten, die zu ballistischen Tests und Haaranalysen ausgesagt hatten.

 

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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