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03.07.2013 | Texas: Ehemaliger Gefängnisgeistlicher über seine Haltung zur Todesstrafe

"Heute sehe ich die Todesstrafe als ganz und gar falsch an" - dies ist das Fazit von Reverend Carroll Pickett, der ab 1980 über den Zeitraum von fünfzehn Jahren insgesamt 95 Hinrichtungen beiwohnte.

Nachstehend fasst er zusammen, wie ihn die Erfahrungen als Geistlicher im Gefängnis von Huntsville, wo Texas zum Tode Verurteilte exekutiert, zu einem überzeugten Aktivisten gegen diese Form der Strafe werden ließen.

"An einem Hinrichtungstag verbrachte ich mit dem Verurteilten für gewöhnlich die Zeit ab sechs Uhr früh, bis er um Mitternacht oder manchmal auch später starb. Wir gingen die acht Schritte von seiner Zelle bis in die Hinrichtungskammer gemeinsam.

In der Kammer befanden sich zwei Telefone und wir warteten immer, ob eines der beiden vielleicht klingelt, um einen gerichtlich angeordneten Aufschub durchzugeben. Sehr oft klingelte es nicht, nicht im Bundesstaat Texas.

Die erste Hinrichtung, bei der ich dabei war, war die von Charlie Brooks am 7. Dezember 1982. Er war der erste Häftling, der in Texas nach Wiederaufnahme der Todesstrafe in den USA 1976 getötet wurde, und der erste weltweit, der durch Giftinjektion starb.

Ich fand niemanden, der mich hätte darauf vorbereiten können, was mich erwartet, es war für alle etwas Neues. Das war hart - nicht Bescheid zu wissen.

Nachdem ich bei ein paar Exekutionen dabei gewesen war, entwickelte ich eine eigene Vorgehensweise. In der mit dem Verurteilten verbrachten Zeit half ich ihm, seine letzten Worte festzulegen. Die Information gab ich dann dem Gefängnisdirektor weiter, um sicherzustellen, dass die Tötung nicht beginnt, bevor der Häftling zu Ende gesprochen hat.

Einmal in der Hinrichtungskammer wollten alle Körperkontakt halten, sie wollten, dass ich ihre Hand halte. Doch das ist nicht möglich, da sie festgeschnallt werden.

Statt dessen stand ich direkt neben ihnen und legte ihnen die Hand auf das rechte Bein, wo ich den Puls spüren konnte. Auf diese Weise spürten sie, dass bis ganz zum Schluss jemand bei ihnen war.

Ich hatte das Gefühl, Gott hat mich dorthin gestellt, da jeder einen Freund braucht. Was ich dort tat, nannte ich bei mir einen Gottesdienst der Anwesenheit.

Ich blieb bei ihnen, bis das Beerdigungsinstitut die Leiche abholte, das war mitunter erst spät nachts. Einmal blieb ich geschlagene 26 Stunden bei einem Mann, der erst in die Hinrichtungskammer geführt wurde, dann einen Aufschub erhielt, danach wieder zurück in die Kammer - und immer wieder hin und her, bis kurz vor Sonnenaufgang.

Schließlich erhielt er tatsächlich einen Aufschub und wurde in den Todestrakt zurückgeschickt. Doch ein Jahr später brachten sie ihn erneut, und er wurde dann um vier Uhr früh exekutiert. Das stellte eine Form von grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung dar, und obwohl die Verfassung der USA sie verbietet, habe ich viele gesehen, die sie über sich ergehen lassen mussten.

Seit meiner letzten Hinrichtung 1995 hat Texas mehrere Änderungen des Hinrichtungsprotokolls vorgenommen. Heute wird um sechs Uhr abends getötet, nicht mehr um Mitternacht, und sie verwenden statt drei Präparaten nurmehr eines, obwohl das in meinen Augen einen Rückschritt darstellt, da es länger dauert, bis jemand für tot erklärt wird.

Ich habe nie erfahren, was im Kopf eines Häftlings vorgeht, wenn die Mittel in ihre Venen strömen. Ich kann mich erinnern, wie einer sagte "es brennt", und ein anderer bemerkte "es tut weh".

Viele der Männer legten mir gegenüber ein Geständnis über ihre Verbrechen ab, kurz bevor sie starben. So gegen zehn Minuten vor Mitternacht, wenn sie merkten, es bestand keine Hoffnung mehr und der Tod war unausweichlich, wollten sie mir meist alles erzählen. Das war traumatisch, da sie mir auch schon einmal Taten gestanden, von denen niemand etwas wusste, doch ich durfte mit der Information nichts anfangen.

Für mich steht felsenfest, dass ich zusah, wie vier unschuldige Menschen vom Staat Texas hingerichtet wurden, und viele andere Menschen starben, die gar nicht erst in die Hinrichtungskammer hätten geschickt werden dürfen. Meiner Einschätzung nach waren von den 95 Exekutierten etwa 35 [ ], die in Fällen verurteilt wurden, bei denen zwei oder mehr Personen am Verbrechen beteiligt waren und sie nicht derjenige waren, der den Abzug betätigte.

Bei den Unschuldigen war Carlos DeLuna für mich der härteste Fall, da ich wusste, er hatte nichts getan. Was bei ihm und den anderen unschuldigen Männern besonders auffiel, war dass sie, als es auf ihren Tod zuging, am friedlichsten waren.

Sie wussten, sie hatten auf jedem nur möglichen juristischen Weg versucht, sich zu retten, und es gab nichts mehr, das sie noch tun konnten. So gingen sie ruhig und ohne Qual in den Tod. In seinen letzten Augenblicken äußerte Carlos DeLuna ausschließlich Worte der Liebe.

Er hatte keinen Vater und am letzten Tag, der ihm zum Leben blieb, fing er an, mich Daddy zu nennen. Als sie ihn auf der Liege festschnallten, sah er hoch zu mir und sagte "Daddy". Das tat sehr weh.

Heute sehe ich die Todesstrafe als ganz und gar falsch an, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zunächst einmal: Wieso tötet Texas Menschen, wenn es den Leuten beibringen will, dass man Menschen nicht töten darf?

Ein weiterer Grund besteht im Wissen, dass Unschuldige hingerichtet wurden. Jahre nachdem ich während der tödlichen Injektion neben Carlos DeLuna gestanden hatte, wies ein Professor von der Columbia University über jeden Zweifel hinaus nach, dass man ihn mit einem anderen Mann namens Carlos verwechselt hatte und die Hinrichtung ein Versehen war."

Quelle: Guardian

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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