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01.06.2015 | Täglich bis zu sechs Hinrichtungen – Der Iran steigert die Zahl der Exekutionen seit April

Laut dem UN-Sonderberichterstatter über die Menschenrechtslage im Iran, Ahmed Shaheed, und dem UN-Berichterstatter zu willkürlichen Hinrichtungen, Christof Heyns, wurden zwischen dem 9. und dem 26. April insgesamt 98 Gefangene hingerichtet. Damit steige die Zahl der Hinrichtungen, die der UNO seit Anfang des Jahres gemeldet wurden, auf 340.

Unter den Hingerichteten seien mindestens sechs politische Gefangene und sieben Frauen gewesen. 15 Exekutionen fanden demnach in der Öffentlichkeit statt. Die Verurteilten sind in der Mehrzahl wegen Drogendelikten verurteilt.

Mina Ahadi, Sprecherin des Internationalen Komitees gegen die Todesstrafe e.V., vermutet, dass der Iran die Zeit nach den Atomgesprächen in Lausanne nutzt, da die internationale Politik „diplomatisch schweige“ zu den Menschenrechtsverletzungen im Iran, um die mühsamen Verhandlungen nicht zu gefährden. Im Juni sollen diese in die letzte Runde gehen. Die Initiative gegen die Todesstrafe e.V. und das Internationale Komitee gegen die Todesstrafe e.V. appellieren an die UN und das EU-Parlament, das nicht hinzunehmen, denn das Unrecht jeder einzelnen Hinrichtung ist immer gleich, die Qualen für die Verurteilten und ihre Familien ebenso.

Amnesty International veröffentlichte den Brief eines zum Tode Verurteilten, den dieser kurz vor seiner Hinrichtung absenden konnte. Hamed Ahmadi war 2012 mit fünf weiteren Männern zum Tode verurteilt worden, nachdem man sie wegen der vage definierten Straftat "Feindschaft zu Gott" (moharebeh) für schuldig befunden hatte.

"An einem kalten Herbstmorgen im November 2012 weckten sie mich auf und sagten, ich würde ins Sanandadsch-Gefängnis [Provinz Kordestan] verlegt werden. (…)

Die Tür öffnete sich. Unsere Herzen begannen zu rasen. Der Alptraum vom Tod würde jetzt zur Realität werden. Sie trennten uns voneinander. Der Mut verließ uns und unsere Ängste übernahmen immer mehr die Kontrolle. Die Zeit verging langsamer als je zuvor in unserem Leben. In der vorherigen Nacht war im Fernsehen eine Dokumentation über uns übertragen worden. Alle waren der Ansicht, dass dies ein Zeichen dafür war, dass unsere Urteile bald schon vollstreckt würden.Es sind jedoch danach noch 45 Tage vergangen. An jedem dieser Tage rechneten wir damit, dass man uns am nächsten Tag hinrichten würde. Aber niemand holte uns. Wir gingen 45-mal dem Tod entgegen. Wir verabschiedeten uns 45-mal vom Leben.

Gerade als wir begannen zu hoffen, dass wir nicht hingerichtet würden, als wir uns wieder erlaubten, an das Leben zu denken, erschienen unsere Namen auf der Liste der Personen, die in das Raja'i-Shahr-Gefängnis verlegt werden sollten. Erneut der Alptraum vom Tod. Erneut das wiederkehrende gedankliche Bild eines Mannes, der am Galgen baumelt. (…) Endlich durfte ich einen Anruf tätigen. Als sie meine Stimme hörte, fing meine Schwester an zu weinen: "Du lebst? Der Abgeordnete für Sanandadsch hat angerufen und behauptet, dass ihr alle hingerichtet wurdet." Sie hatten bereits eine Trauerfeier für uns abgehalten. (…)“

Dies sind die letzten Worte, die die Angehörigen von Hamed Ahmadi von ihm haben.

Auch heute erleben Menschen im Iran dieses unfassbare Grauen. Auch heute werden dort Menschen hingerichtet.

Quelle und ausführliche Fassung:
Pressemeldung der Initiative gegen die Todesstrafe e.V.

Initiative gegen die Todesstrafe e.V. | www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de

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